Full text: Die Geschichte des jüdischen Volkes in Europa (5, Europäische Periode ; Das späte Mittelalter ; 1927)

Das spanische Zentrum im XIV. Jahrhundert 
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tation voll Eifer den Angriff gegen das von ihm verratene Judentujn 
führte; mit nicht geringerem Eifer trat er in Avila auf, wo die Dispu 
tation in der katholischen Kirche vor der gesamten jüdischen Ge 
meinde und vor vielen Christen und Muselmanen stattfand (1875). 
Von jüdischer Seite trat dem Johannes Moses de Tordesillas entgegen, 
der nicht nur ein großer Kenner der jüdischen, sondern auch der 
christlichen Theologie war. Später gab Moses den Verlauf der Dis 
putation in einer Schrift wieder, die den Titel „Stütze des Glaubens 4 
(„Eser ha’emuna“) führte. Als er seine als Leitfaden für Disputan 
ten gedachte Schrift der Gemeinde von Toledo zuschickte, erteilte er 
in einem Begleitschreiben, wohl auf Grund seiner eigenen Erfahrun 
gen, den Rat, bei religiösen Diskussionen scharfe Ausdrücke nach 
Möglichkeit zu vermeiden, denn „die Christen — schrieb er — sind 
die Herren der Macht und vermögen es, mit einem einzigen Faustschlag 
die Wahrheit zum Schweigen zu bringen“. Um die gleiche Zeit dis 
putierte der Kardinal Pedro de Luna, der später als Benedikt XIII. 
die päpstliche Tiara trug, mit dem jüdischen Theologen Schemtob 
Schaprut über das Erlösungsdogma. Durch seine Erlebnisse in Tar- 
ragona, dem Stammsitze des aragonischen Erzbischofs, wo häufig 
Kirchenversammlungen stattfanden, angeregt, verfaßte Schemtob un 
ter dem Titel „Eben bochan“ (Der Prüfstein) eine umfangreiche 
Apologie des Judaismus. „Viele unserer Glaubensgenossen — so sagt 
er in der Vorrede zu, dieser Schrift — verlassen unsere Reihen und 
verfolgen uns durch ihre polemischen Ausfälle, indem sie aus ver 
schiedenen Versen der Heiligen Schrift und der talmudischen Hag- 
gada Beweise für die Wahrheit ihres (christlichen) Glaubens an 
führen. Diese Leute stellen uns Fallen, um uns in den Augen der Chri 
sten, unserer Herren, herabzuwürdigen. Andererseits suchen auch viele 
Gelehrte unter den echten Christen, uns in unliebsame Disputatio 
nen zu verwickeln“. Die von Schemtob verfaßte Apologie (i38o) 
sollte nun die jüdischen Disputanten vor den von den Gegnern ge 
legten Schlingen warnen und behüten. 
So nistete sich in einer Bevölkerung, an deren allgemein-politi 
schem Leben sich die Juden noch vor kurzem als vollwertige Bürger 
beteiligt hatten, nach und nach der Geist konfessioneller Feind 
schaft ein. Die Agitation der Dominikaner und der sonstigen Verfech 
ter des Klerikalismus wirkte zwar langsam, aber mit um so größerer 
Sicherheit. Die klerikale Reaktion höhlte gleich einem Wurm die
	        

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