Full text: Die Geschichte des jüdischen Volkes in Europa (5, Europäische Periode ; Das späte Mittelalter ; 1927)

§ 18. Kabbala und messianische Schwärmerei 
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begab sich nach Perpignan, wo sie unter dem Schutze des Königs von 
Mallorca Sicherheit und Erwerbsmöglichkeit zu finden hofften, wäh 
rend die anderen, auf die Hilfe Gottes bauend, in der Provence ob 
dachlos umherirrten. Ich selbst übersiedelte zuerst aus der Provence 
nach der Stadt Arles, um diese später zu verlassen und von neuem 
nach Perpignan zu ziehen, wo ich am ersten Tage des Monats Schebat, 
des sechsten Monats seit unserer Vertreibung, anlangte“. Ein großer 
Teil der Verbannten hat sich somit in den unter der Gewalt des „Kö 
nigs von Mallorca“, d. i. Aragoniens, verbliebenen französischen Be 
sitzungen niederlassen können. Des weiteren berichtet Abba-Mari, die 
Freidenker hätten ihn und seine Gesinnungsgenossen unter den Ver 
triebenen auch in seinem neuen Wohnorte nicht unbehelligt gelassen, 
indem sie mit Hilfe der königlichen Beamten seine Niederlassung in 
Perpignan zu hintertreiben gesucht hätten, doch seien die Orthodoxen 
von einigen Mitgliedern der dortigen Gemeinde in Schutz genommen 
worden. In der ersten Zeit vermochte also nicht einmal das gemein 
same Unglück die Gegner auszusöhnen; allmählich sollte indessen 
der Kulturkampf erlöschen. Die Vernichtung des französischen Zen 
trums versetzte alle ohne Unterschied der Parteistellung in größte Be 
stürzung. Als die Vertriebenen dann im Jahre i3i5 in ihre alte Hei 
mat wieder zurückkehren durften, hatten sie an ganz anderes als an 
innere Kulturkämpfe zu denken: standen sie doch vor einem erbitter 
ten Kampf ums bloße Dasein, der bis zum Ende des unheilvollen 
XIV. Jahrhunderts unausgesetzt fortdauern sollte. 
§18. Mystische Theosophie, Kabbala und messianische Schwärmerei 
Wenn der Rabbinismus in seinem hundertjährigen Kampfe mit 
der Aufklärungsphilosophie schließlich doch die Oberhand behielt, 
so verdankte er seinen Sieg nicht zuletzt jener mystischen Nebenströ 
mung, die im XIII. Jahrhundert unter den spanischen und provenzali- 
schen Juden immer weitere Kreise zog. Der Rationalismus des Mai- 
monides und seiner radikaleren Anhänger vermochte das religiöse Ge 
wissen derjenigen, die während jener düsteren Epoche im Judaismus 
Nahrung fürs Herz, nicht für den Verstand, Selbstvergessenheit, nicht 
Selbsterkenntnis suchten, in keiner Weise zu befriedigen. Mystisch 
gestimmte Menschen konnten sich mit der von den Philosophen auf- 
gestellten Doktrin des gesunden Menschenverstandes, die die Religion
	        

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