Full text: Die Geschichte des jüdischen Volkes in Europa (5, Europäische Periode ; Das späte Mittelalter ; 1927)

§17. Der Kampf gegen weltliche Wissenschaft 
klärte aber, daß die beiden ersten, auf den inneren Religionsstreit 
bezüglichen Punkte ihn nichts angingen und daß er seinen Freunden 
nur in ihrem Kampfe gegen das Verbot der weltlichen Bildung behilf 
lich sein wolle. Indessen ist über den weiteren Verlauf dieser Ange 
legenheit nichts bekannt. 
Zur Verteidigung der geächteten Wissenschaft erhoben sich eine 
Reihe gelehrter Männer von hohem literarischen Ansehen, die sich 
durch das in Barcelona proklamierte Anathema auch persönlich ge 
troffen fühlten. Der hervorragende Talmudgelehrte Menachem Meiri 
aus Perpignan, der Verfasser eines sich an das System des Maimonides 
anlehnenden kritisch-geschichtlichen Kommentars zum Talmud („Beth 
ha’bechira“), richtete an Abba-Mari anläßlich des in Barcelona aus 
gerufenen Bannfluchs einen geharnischten Protest. Er verdammte dar 
in jene unsinnige Taktik, kraft derer die edelsten Früchte mensch 
licher Schaffenskraft nur aus dem Grunde verboten würden, weil der 
unreife Verstand darüber stolpern könnte. „Ist denn — so ruft er 
aus — der Garten der Weisheit (Pardes), seitdem Elischa ben Abu ja 
dort Verheerungen angerichtet, endgültig geschlossen?“ Mit einem 
nicht weniger scharfen Protest trat außerdem der begabte junge 
Schriftsteller Jedaja Bederesi („aus Beziers“, um 1280—i34o) her 
vor, der wegen seines köstlichen hebräischen Stils auch ha’Penini 
(„Perlenfischer“) genannt wurde. Ein großer Verehrer des Abraham 
ibn Esra und des Maimonides, befaßte er sich vornehmlich mit moral 
philosophischen Fragen und schuf sich bleibenden Ruhm durch sein 
volkstümlich gewordenes Werk „Bechinath olam“ („Prüfung der 
Welt“), das tiefschürfende moralische und philosophische Erörterun 
gen im Stile des „Koheleth“ enthält. Als er von dem in Barcelona über 
Wissenschaft und Philosophie verhängten Bannfluch Kunde erhielt, 
konnte er nicht umhin, sich an Raschba mit einem von edler Ent 
rüstung zeugenden Schreiben zu wenden (i3o6). Es empöre ihn we 
niger — so schrieb er — die der Wissenschaft zugefügte Schmach, 
denn die Wissenschaft sei ja über alle Schmähungen erhaben, als 
vielmehr die grundlose, unerhörte Verketzerung der gesamten Ge 
lehrtenwelt der Provence. Wissenschaft und freie Forschung hätten 
schon seit den Zeiten des Saadia Gaon im Judentum volles Bürger 
recht erworben und seien durch den Namen des großen Maimonides, 
dessen Andenken von allen und jedem hoch in Ehren gehalten wer 
den müßte, für immerdar geheiligt. Die Philosophie hätte dem Judais
	        

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