Full text: Die Geschichte des jüdischen Volkes in Europa (5, Europäische Periode ; Das späte Mittelalter ; 1927)

Die geistigen Strömungen im XIII. Jahrhundert 
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versteigen und so die Grundfesten der Offenbarung selbst erschüttern. 
Zwar erkenne er die großen Verdienste des Maimonides auf dem Ge 
biete der Gesetzeskunde an, müsse aber zugleich seiner Betrübnis dar 
über Ausdruck geben, daß der Philosoph durch seinen „Führer“ dem 
Judentum nicht wenig geschadet hätte; darum treffe auch den Über 
setzer des verfänglichen Buches ins Hebräische, Samuel ibn Tibbon, 
eine schwere Schuld. So müsse er denn das Verhalten des gottesfürch- 
tigen Salomo aus Montpellier und seiner Gesinnungsgenossen uneinge 
schränkt billigen. 
Die Zuspitzung der Gegensätze erfüllte den schon einmal als Frie 
densvermittler hervorgetretenen Ramban mit schwerer Besorgnis, und 
er trat daher mit einem neuen Versöhnungsvorschlag an die Öffentlich 
keit : er schlug vor, den Bannfluch gegen den Religionskodex des Mai 
monides aufzuheben, die Verbreitung des philosophischen „Führers“ 
hingegen, der die unreifen Geister nur verwirren könne und auch von 
dem Verfasser selbst nur für wenige Auserlesene bestimmt sei, zu 
unterbinden. Dem gleichen Gedanken gab der Dichter Meschullam da 
Piera in folgenden Versen Ausdruck: 
„Meide, o Meister, den ,Führer' — enthalte dich der Betrachtung, 
Huld’ge allein der ,Erkenntnis' 1 ) — und Gottes Geist wird dir nah sein“. 
Indessen vermochten Kompromisse die erhitzten Gemüter nicht mehr 
zu beschwichtigen. Die Leidenschaften waren entfesselt, und der 
Kampf nahm ein überaus schmähliches Ende. 
Als nämlich der Fanatiker Salomo aus Montpellier von dem durch 
die Maimonisten gegen ihn verhängten Gegencherem Kunde erhielt, 
geriet er in rasenden Zorn und entschloß sich zu einem unerhörten 
Schritte. Um jene Zeit (i233) war die auf Antrieb des Papstes Gre 
gor IX. aus einem zeitweiligen in ein permanentes Tribunal verwan 
delte katholische Inquisition gerade damit beschäftigt, die Überreste 
der ketzerischen Albigenser in der Provence aufzuspüren und sie der 
Strafe zuzuführen. Besonderen Eifer legten hierbei die dominikani 
schen Inquisitoren in Toulouse und Montpellier an den Tag. Die Ver 
folger des jüdischen Freidenkertums kamen nun auf den Gedanken, 
daß ihre Ziele im großen und ganzen mit denen der kirchlichen 
Ketzerverfolger übereinstimmten. So gingen denn Salomo und sein 
Mitstreiter Jona Gerondi, wie die damaligen Streitschriften wissen 
1) Gemeint ist das erste Buch des Kodex „Mischne-Thora“: „Das Buch der 
Erkenntnis“.
	        

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