Full text: Vom Ausklang der Schlacht bei Limanowa-Łapanów bis zur Einnahme von Brest-Litowsk 2 : Das Kriegsjahr 1915 1 [Textbd.] (2 : Das Kriegsjahr 1915 ; 1 ; [Textbd.] ;)

Physische und moralische Verfassung von Freund und Feind 
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fangene ausgewiesen. Die tatsächliche Einbuße ist mindestens um 60 bis 
70v.H. höher einzuschätzen, beläuft sich also auf 1,800.000 bis 2,000.000 
Mann, wenn nicht auf mehr1). 
Die Opfer der Russen in den Karpathenkämpfen werden demnach 
nicht wesentlich höher, aber gewiß auch — trotz der Gefangenen von 
Przemysl — nicht erheblich niederer zu bewerten sein. Empfindlicher 
allerdings als die Menschenverluste traf die Russen die Einbuße an. Ge¬ 
rät und Munition, da die russische Kriegsindustrie und die Heimat¬ 
behörden auf dem Gebiete des Materialersatzes völlig versagten. 
Bei Betrachtung der moralischen Verfassung des öst.-ung. Heeres ist 
daran zu erinnern, daß dieses gegen Ende des opferreichen Feldzuges 
1914 zu einer Landsturm- und Milizarmee geworden war. An dieser 
Tatsache hat sich während des Karpathenwinters bei der täglich und 
stündlich herrschenden Not an Mann nichts bessern lassen. Es war im 
Gegenteil der ohnehin schon schwache Stamm an geeigneten Offizieren 
und gedienter Mannschaft noch geschwächt worden. Die Neueingezogenen 
füllten, körperlich weniger widerstandsfähig, dazu infolge der kurzen 
Ausbildung den vielfältigen Aufgaben der Kampfführung nicht gewach¬ 
sen, die Verlustlisten in erschreckendem Ausmaße. Nicht unvermerkt 
bleibe hiebei auch, daß von den zahlreichen gebirgsgewohnten Truppen 
Österreich-Ungarns (III., XIV. und teilweise auch XV., XVI., II. und 
XII. Korps) nur ein verhältnismäßig geringer Teil in den Karpathen 
verwendet wurde, wo sie sich, auch dank ihrer Gebirgsausrüstung, sicher¬ 
lich leichter zurechtgefunden hätten als irgendein Heereskörper aus dem 
Banat, dem böhmischen Becken oder dem galizischen Flachland. 
Immer stärker wurde die Truppe auch von der entmutigenden 
Erkenntnis erfaßt, daß der Krieg noch lange dauern werde ; dies erzeugte 
vielfach schwere Kriegsmüdigkeit, die erst in besseren Zeiten wieder 
überwunden werden konnte. Über die politischen Folgen wurde schon 
früher in anderem Zusammenhange gesprochen. All dies drückte die 
Kampffähigkeit der Armee gewiß empfindlich herab. Dabei ist aber 
nie zu übersehen, daß die Forderungen, welche die Führung trotz allem 
an sie stellen zu dürfen glaubte, vielfach übermenschlich genannt werden 
müssen, und man darf hier gewiß anführen, daß auch die sicherlich 
besser gefügten und vor allem auch besser ausgerüsteten deutschen Divi- 
x) Der englische General Knox, damals Militärbevollmächtigter beim russischen 
Heer, kommt auf Grund amtlicher Petersburger Mitteilungen zu einem um 25 bis 
30 v. H. höheren Ergebnis (Knox, With the Russian Army 1914—1918, New York 
1921, I, 297ff.).
	        

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