Full text: Vom Ausklang der Schlacht bei Limanowa-Łapanów bis zur Einnahme von Brest-Litowsk 2 : Das Kriegsjahr 1915 1 [Textbd.] (2 : Das Kriegsjahr 1915 ; 1 ; [Textbd.] ;)

Ill 
Der Karpathenwinter 1914/15 
sionen Linsingens keine nennenswert größeren Angriffsleistungen zu voll¬ 
bringen vermochten als ihre österreichischen und ungarischen Kameraden. 
Wirklicher Raumgewinn war nur der Armeegruppe Pflanzer beschieden 
gewesen, wobei sich ihr freilich im Gebirge anfangs nur verhältnismäßig 
geringer Widerstand entgegengestellt hatte. 
Das Bild, das zur selben Zeit die russische Armee bot, war aller¬ 
dings von dem der Gegner nicht erheblich verschieden. Die körperlichen 
und moralischen Anforderungen des Krieges in den Karpathen hatten 
auch den Muschik gezwungen, sein Letztes herzugeben ; mit dem einzigen 
Unterschied vielleicht, daß der Russe den Unbilden des Winters besser 
gewachsen war als seine aus nicht so rauhen Ländern stammenden 
Gegner. Sonst unterscheiden sich die Klagen, die von den Führern aller 
Grade in diesen Wochen und Monaten ausgestoßen wurden, durch nichts 
von denen im anderen Lager. Übermäßig drückte auf die Moral des 
Zarenheeres der schon berührte, von Tag zu Tag zunehmende Mangel 
an Kriegsmaterial, zumal an Schießbedarf. Die Nötigung, durch Blut¬ 
opfer auszugleichen, was die Mißwirtschaft in der Heimat verschuldet 
hatte, hinterließ beim letzten Kämpfer tiefste Mißstimmung. So begann 
denn schon damals die Verratslegende, die später so verheerend wirken 
sollte, vom Gemüte des Muschiks und des Offiziers Besitz zu ergreifen, 
wobei die Fama, wie bekannt, sogar vor dem Herrscherhaus keineswegs 
Halt machte. Dem Zaren begegnete die Armee bei dem Besuche, den er 
in der zweiten Hälfte April auf Wunsch der Panslawisten dem „be¬ 
freiten" Galizien abstattete, nach übereinstimmenden Berichten mit auf¬ 
fallender Kühle. Schon fiel in den Offizierskreisen das böse Wort, daß 
er ja doch nur ein „Deutscher" sei1). Solcherart wies die wichtigste 
Säule der zaristischen Armeeverfassung, der Autoritätsglaube, bereits 
bedenkliche Sprünge auf, die nicht mehr zu verkleistern waren. Das 
rücksichtslose Streben der russischen Führung, die Ebenen Ungarns — 
koste es, was es wolle — zu gewinnen, hatte, da ihm der Erfolg versagt 
blieb, in die Seele des ausgezeichneten russischen Soldaten eine bedenk¬ 
liche Saat gelegt, die zum erstenmal in den nächsten Wochen, ungleich 
gefährlicher aber nach zwei Jahren aufgehen sollte. 
!) Paléologue, La Russie des tsars (Paris 1921), I, 354.
	        
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