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Der Feldzug von Brest-Litowsk
Bìonie-Grójecstellung zurückgenommen werden. Der 4. Armee wurde
die Zurücknahme ihres linken Flügels bis an die untere Il±anka und den
Chodelbach und die Versammlung tunlichst starker Kräfte auf dem
östlichen Weichselufer aufgetragen. Für den Fall der Notwendigkeit
wurde der Armee sogar der schrittweise durchzuführende Rückzug ihrer
ganzen Front bis in die Linie Wysmierzyce—Jedlnia—Janowiec zugestan¬
den. Die den Nordflügel der Heeresmacht Alexejews bildenden zwei
Armeen, die 10. und die 5., hatten sich auch weiterhin in ihren Stellungen
zu behaupten, wobei jene sich an der Straße Augustow—Grodno gegen
feindliche Vorstöße vorsehen, diese eine Schützenbrigade nach Bjelostok
zur Verfügung des Höchstkommandierenden entsenden sollte. Die 3. und
die 13. Armee wurden angewiesen, „dem Drucke des Gegners durch
einige Tage den hartnäckigsten Widerstand entgegenzusetzen". Auch
sonst ließ man nichts unversucht, die Kampfkraft der Armeen der Nord¬
westfront zu erhöhen. Alle rekonvaleszenten Offiziere und Mannschaften,
alle vorhandenen Offiziersersätze, rund 100.000 Mann bewaffneter Er¬
gänzungen aus dem Stande der Ersatzbataillone und der letzte Vorrat
an 40.000 Gewehren wurden der Nordwestfront zugeführt.
Gen. Alexejew mochte wohl erkannt haben, daß die eben angeführten
Maßnahmen allein nicht ausreichen konnten, um die kritische Lage der
im Weichselgebiete von den Heeren der Verbündeten umfaßten russi¬
schen Armeen zu bessern; in solcher Bedrängnis bat er den Großfürst-
Generalissimus zu einer Beratung nach Siedlec, die schon am 5. Juli statt¬
fand. In dieser wurde die allgemeine Lage dahin beurteilt, daß sich der
Gegner im Weichselvorlande, am Narew, am Njemen und in Kurland in
der Abwehr verhalte, und daß seine dortigen Angriffe nur als Schein¬
unternehmen zu betrachten seien. Höchst bedrohlich sei aber seine zwischen
Weichsel und Bug geführte Offensive, die die Lage der Russen „auf dem
vorderen Kriegsschauplatze" ernstlich gefährde. Um nun Alexejew zu
befähigen, „die lebenden Kräfte der ihm unterstellten Armeen zu er¬
halten, die für den bevorstehenden, noch lange andauernden Krieg nötig
sind", ermächtigte ihn der Höchstkommandierende, die Armeen vom
Mittellauf der Weichsel noch weiter nach Osten zurückzuführen. Ohne
damit den Gen. Alexejew in der Wahl der neuen Stellungen beeinflussen
zu wollen, wies er auf die Linie Lomza—Malkin— Lukow—Parczew—
Wlodawa—Ratno hin; als äußerste Grenze des auch ihm als unvermeidbar
erscheinenden Rückzuges bezeichnete er den Bobr, den oberen Narew,
Brest-Litowsk und Ratno1).
*) Nesnamow, IV, 71; Danilow, 524f.