Full text: Die Geschichte des jüdischen Volkes in Europa (5, Europäische Periode ; Das späte Mittelalter ; 1927)

Deutschland im XIII. Jahrhundert 
R. Meir aus Rothenburg (1215—1298), von dem in anderem Zu 
sammenhang bereits die Rede war (oben, § 28). Die von ihm ent 
faltete akademische Wirksamkeit sowie seine wissenschaftlichen 
Schriften („Tossafoth“ zu vielen Talmudtraktaten und zahlreiche, 
auf die verschiedensten Fragen des jüdischen Rechtes bezügliche 
„Teschuboth“) erhoben ihn zu dem Range des maßgebendsten Füh 
rers seiner Generation. Aus den „Teschuboth“ des R. Meir vernehmen 
wir zuweilen einen Widerhall der Schrecknisse jener grauenvollen 
Zeit. Während eines von Zwangstaufen begleiteten Judengemetzels 
faßte einst eine jüdische Familie den Entschluß, freiwillig in den 
Tod zu gehen: der Familienvater schnitt Frau und Kindern die Kehle 
durch, blieb jedoch selbst am Leben; er begab sich nun zu R. Meir 
und bat ihn, ihm eine der begangenen Sünde entsprechende Buße auf 
zuerlegen, vernahm jedoch, daß er durch die Unterdrückung seiner 
Liebe zu den Angehörigen um der Liebe zu Gott willen bereits schwer 
genug gebüßt habe und kein weiteres Sühnopfer mehr darzubringen 
brauche. Als in einer anderen Sta,dt die Dominikaner jüdische Frauen 
gewaltsam in einem Kloster zurückhielten, wo sie von einem Pre 
diger auf die Taufe vorbereitet wurden, und nach ihrer Befreiung die 
Frage auf tauchte, ob die Ehemänner mit den „Gefangenen“ weiter 
Zusammenleben dürften, erteilte R. Meir seine Erlaubnis dazu, da das 
Anhören der Predigten, wie er meinte, an und für sich nicht ver 
unreinige. 
Ebenso wie der Lebensabend des R. Meir von düsteren Wollten 
überschattet war, sta,nd auch das Geschick seines hervorragendsten 
Jüngers, des Ascher ben Jechiel oder Rosch, im Zeichen schwerster 
Erschütterungen. Nach den von ihm miterlebten Greueltaten des Rind 
fleisch (1298) fühlte er sich dem damals in Angriff genommenen 
Werke der Wiederherstellung der verheerten und durch die erpresse 
rische Politik Albrechts I. vollends an den Ruin gebrachten Gemein 
den nicht gewachsen und sah sich überdies als repräsentativer Füh 
rer der Judenheit von demselben Geschicke bedroht, das erst vor kur 
zem seinen Meister betroffen hatte. So entschloß er sich denn, 
Deutschland für immer zu verlassen. Im Jahre i3o3 langte Rosch in 
Savoyen an und gedachte hier ein Rabbineramt zu übernehmen. Als 
er aber erfahren hatte, daß der Herzog von Savoyen ein Vasall des 
deutschen Kaisers sei und ihn als einen flüchtigen Untertan diesem 
ausliefern könnte, beeilte er sich, weiter nach Südfrankreich und von
	        

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