Full text: Die Geschichte des jüdischen Volkes in Europa (5, Europäische Periode ; Das späte Mittelalter ; 1927)

Deutschland im XIII. Jahrhundert 
Eigenschaften, Gefühle und Empfindungen eigen, anderenfalls wäre 
er nichts als eine leere Abstraktion und könnte die materielle Welt 
und das Menschengeschlecht mit den dieses aufwühlenden Gefühlen 
und Leidenschaften nicht regieren. „Wer Gott jegliche festumrissene 
Gestalt abspricht — so läßt sich Moses Tako vernehmen —, der leug 
net zugleich die Grundlagen des Glaubens. Wenn die Talmudisten da 
von reden, daß der Allmächtige auf dem himmlischen Stuhle throne, 
so meinen sie damit, daß er ein Wesen mit bestimmter Gestalt und 
mit Attributen sei, dem Gefühle wie Zorn und Gnade, Liebe und Haß, 
Leid und Freude wohl eigen seien. Wer daran zweifelt, ist Ketzer und 
Epikuräer“. Dieser Verfechter des kindlich unberührten Glaubens 
vermag es dem ersten jüdischen Philosophen Saadia Gaon nicht zu 
vergeben, daß er dem Rationalismus in die Regionen des Glaubens 
Einlaß verschafft hat. Hat doch Saadia — so schreibt er — als erster, 
wohl unter dem Einfluß nicht jüdischer Gelehrter oder der karäischen 
Schismatiker, Gott in eine unpersönliche und willenlose Abstraktion 
verwandelt, die biblischen Erzählungen aber in ideelle Allegorien. 
Auch Abraham ibn Esra wäre so weit gegangen, die Existenz der Dä 
monen zu leugnen, deren Walten doch von der ganzen talmudischen 
ILaggada bezeugt sei. Denselben Irrweg hätte auch Maimonides ein 
geschlagen. Gegen diese Ketzerei müsse man aufs schärfste ankämp 
fen, da sonst von dem Glauben an einen persönlichen Gott und an die 
heiligen Legenden bald nichts als eine blasse Erinnerung übrig blei 
ben werde. 
Die Herausforderung des Moses Tako verhallte in seinem Heimat 
lande, wo Talmudisten wie Mystiker in der Gegnerschaft gegen den 
Rationalismus einig waren, ohne den leisesten Widerhall. In Deutsch 
land war um jene Zeit die Scheidelinie zwischen der „offenbaren“ 
und der „geheimen“ Lehre im Gegensatz zu Spanien, der Geburts 
stätte der Kabbala, noch nicht gezogen. Die deutschen Rabbiner wa 
ren nämlich alle mehr oder weniger mystisch gestimmt. Es war dies 
ein Mystizismus von ganz besonderer Prägung, jenes Gemisch von 
Asketismus und Aberglauben, wie es in volkstümlicher Form schon 
im „Ruche der Frommen“ und in mehr gelehrter Darstellungsart im 
„Rokeach“ (Band IV, § 4o) zum Ausdruck gekommen war. Da in 
Deutschland die frei forschende Religionsphilosophie keine Wurzeln 
gefaßt hatte, so fehlte hier auch jeder Antrieb zu jener Theosophie 
oder spekulativen Kabbala, die in Spanien als Gegengewicht gegen
	        

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