Volltext: Die Geschichte des jüdischen Volkes in Europa (5, Europäische Periode ; Das späte Mittelalter ; 1927)

§ 23. Die Jadenhetzen unter den Habsburgern 
zwangsweise, getauft worden war, in dem aufgenötigten Glauben ver 
harren: der Abfall eines Täuflings von der Kirche sollte gleich der 
Ketzerei mit Verbrennung geahndet werden. All diese Gesetzesbestim 
mungen treten uns in einem Kodex entgegen, der sich sonst auf dem 
Niveau eines durchaus normalen Rechtsbewußtseins hält. Heißt es 
doch darin, daß den Juden kraft des „Kaiserfriedens“ gleich allen 
anderen wehrlosen Landesbewohnern, Frauen, Priestern und Kauf 
leuten, Sicherheit und Unantastbarkeit verbürgt sei, daß die Ermor 
dung eines Juden ebenso scharf bestraft werden müsse wie die eines 
Christen u. dgl. m. Der hier zum Ausdruck kommende innere Wider 
spruch mag indessen dadurch überwunden worden sein, daß weder 
den strengen kanonischen Vorschriften noch auch den feierlichen 
Sicherheitsgarantien in der Praxis jo voll Genüge geschah. 
§ 23. Die Judennot unter den Habsburgern und die Verfolgungen 
durch Rindfleisch (1298) 
Die Wirren des Interregnums hatten ihr Ende erreicht, und nun 
waren es die Kaiser, die die Juden ihre schwere Hand spüren ließen. 
Nach langwierigen Kämpfen mit ihren Rivalen schließlich zur Macht 
gelangt, benötigten die neuen Herrscher große Geldmittel zur Til 
gung ihrer Kriegsschulden. Die von den Juden bezogenen Einkünfte, 
die im Reichsetat einen ansehnlichen Posten bildeten, gewannen jetzt 
besonders an Bedeutung; in der fortwährenden Erhöhung dieser Ein 
künfte fand die damalige Regierungskunst gleichsam ihren prägnan 
testen Ausdruck. Die neuen Gebieter Deutschlands aus dem den 
Hohenstaufen folgenden Habsburgerhause waren auf diesem Gebiete 
in der Tat Meister. Schon die Regierung des Kaisers Rudolf von Habs 
burg (1278—1291), während der auch ganz Deutschland unter 
einem unerträglichen Steuerdrücke stöhnte, war für die Juden eine 
Zeit härtester Bedrängnis. Für die ihnen erwiesene „Protektion“, für 
die Bestätigung ihrer altanerkannten Rechte und „Privilegien“ hatten 
die unter der Gewalt der Habsburger stehenden Gemeinden Deutsch 
lands und Österreichs riesige Geldsummen aufzubringen. Immer häu 
figer fand das System der Verpfändung einzelner Gemeinden an die 
kaiserlichen Gläubiger Anwendung und auch Erpressungen bei ein 
zelnen reichen Juden wurden zu einer alltäglichen Erscheinung. Wenn 
der Kaiser außerhalb Deutschlands weilte, wurde mit der Eintreibung
	        
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