Literature

  • Konrad Schiffmann, Die Handschriften der Öffentl. Studienbibliothek in Linz [maschinschriftlich]. Linz 1935, Nr. 84 [online]
  • Konrad Schiffmann, Die Handschriften der Öffentl. Studienbibliothek in Linz (nicht seitenkongruente Abschrift der maschinschriftlichen Fassung Linz 1935 als PDF-Datei mit Nachträgen und neuen Signaturen) [online]
  • Friedrich Stegmüller, Repertorium commentariorum in sententias Petri Lombardi. 2 Bde. Würzburg 1947, Nr. 0846
  • Kurt Holter, Zum gotischen Bucheinband in Österreich: Bemalte Einbände aus Kloster Garsten. Gutenberg-Jahrbuch (1956) 288-298, hier: 292, 297.
  • Henri F. Dondaine, Hugues-V. Shooner, Codices manuscripti operum Thomae de Aquino. Bisher 3 Bde. Rom 1967-1985, Nr. 1474.
  • Kurt Holter, Das mittelalterliche Buchwesen im Stift Garsten, in: Kirche in Oberösterreich. 200 Jahre Bistum Linz. Katalog der Oberösterreichischen Landesausstellung 1985 im ehemaligen Benediktinerstift Garsten. Linz 1985, 91–119, 370–383, hier 100 und 376, Kat.-Nr. 4.23; wieder abgedruckt in: Kurt Holter, Buchkunst–Handschriften–Bibliotheken. Beiträge zur mitteleuropäischen Buchkultur vom Frühmittelalter bis zur Renaissance (hg. G. Heilingsetzer, W. Stelzer), 2 Bde. Linz 1996, Bd. 2, 958 und 984.
  • manuscripta.at (http://manuscripta.at/?ID=33980)

Description

Die vorliegende Beschreibung wurde im Rahmen des vom Forschungsfonds FWF finanzierten Forschungsprojektes „Katalog der illuminierten Handschriften der OÖ Landesbibliothek: ca. 1220–1400“ (P 26172, Leitung Dr. Katharina Hranitzky) verfasst. Die Beschreibweise richtet sich nach den Richtlinien, die im Rahmen der Katalogisierung der illuminierten Handschriften und Inkunabeln der Österreichischen Nationalbibliothek in Wien erstellt wurden und denen auch die Beschreibungen im gedruckten „Katalog der illuminierten Handschriften, Inkunabeln und Frühdrucke der Oberösterreichischen Landesbibliothek in Linz“ (Bd. 1/1) folgen. Dementsprechend liegt der Schwerpunkt der Beschreibung auf der Analyse und der kunsthistorischen Einordnung des Buchschmucks. Eine aktualisierte Version des vorliegenden Textes wird in Bd. 2 des gedruckten Linzer Katalogs enthalten sein.

Cod. 438

Thomas von Aquin, Commentarius in tertium librum Sententiarum

Hand 1: Südfrankreich, 1. Viertel 14. Jahrhundert (um 1320?), Hand 2: Südfrankreich oder Oberösterreich, 3. Jahrzehnt 14. Jahrhundert (Anfang, auf jeden Fall vor 1331)

 

Pergament (unterschiedlich dick, die ersten 7 Blätter längst geknickt, des Öfteren mit Löchern und unregelmäßigen Rändern) • 170 Blätter (gezählt 169, zwischen ff. 3 und 4 ein Blatt übersprungen, dieses unfoliiert [f. 3a]); durchgehende Distinctio-Nummerierung in römischen Ziffern jeweils mittig auf dem oberen Rand der Rectoseiten: I–XL (s. ,Buchschmuck‘; ab f. 16r immer wieder radiert sowie mit Bleistift und/oder Tinte korrigiert; ff. 164r und 165r irrig XXXXIX statt XXXIX). • 34 x 23/24 cm • Lagen: VI11 + (VI-3)20 + 4.VI80 + III86 + VII100 + (3.VI)136 + VII150 + VI162 + (IV-1)169 + (I-2). Zweite Lage (Sexternio): die letzten 3 Blätter herausgeschnitten (s. f. 21r), wobei die Folgeblätter bis f. 26 beschädigt wurden; 15. Lage (Quaternio): zwischen ff. 165v und 166r (eine Seitenöffnung vor der eigentlichen Lagenmitte) Fadenheftung von nur einer Stichlänge; letztes Blatt der Lage entfernt (s. f. 169v). Reklamanten fast durchgängig eingetragen (von der Hand des Schreibers); distinctiobezogene Vorschreibungen auf dem unteren Rand von ff. 140v, 156v und 160v erhalten; Repräsentanten für Lombarden. • Seitenspiegel: 30,5/31 x 15 cm; oben und unten sowie rechts und links von Doppellinien eingefasst; die angegebenen Maße beziehen sich auf die inneren Rahmenlinien; der eigentliche Schriftspiegel 23,5/24 cm hoch, da zwischen der oberen Doppellinie (hier Distinctio-Nummerierung eingetragen) und der obersten Textzeile jeweils eine ca. 20 mm hohe Freifläche und zwischen der untersten Textzeile und der unteren Doppellinie eine bis zu 50 mm hohe Freifläche belassen wurde; Lineatur teilweise nur schwach erkennbar; zwei Spalten, 48–51 Zeilen • Textualis von einer Schreiberhand (einschließlich Index); ab und an Korrekturzeichen (tintenfarben, selten rot oder blau) auf den Seitenrändern; immer wieder Nota-bene-Zeichen (z. B. f. 117v, hier mit ergänztem bene).

EINBAND

Helles, unverziertes, etwas beschädigtes Rauleder über Holzdeckeln (Vorderdeckel, Hinterdeckel), teilweise wurmstichig; Garsten, wahrscheinlich 14. Jahrhundert. Der Rücken (mit fünf Doppelbünden) erneuert. Reste von zwei Langschließen: auf dem Hinterdeckel achtblättriger Rosettennagel (Durchmesser: 18 mm) und Stück des oberen Riemens erhalten. Die Handschrift war als ‚Codex catenatus‘ aufbewahrt: auf dem Hinterdeckel Spuren des dreieckigen Blechs der ehemaligen Kettenbefestigung mit drei Nagellöchern, die auch auf der Innenseite des Hinterdeckels sichtbar werden, da von der als Spiegel des Hinterdeckels dienenden Papstbulle (s. ,Entstehung und Provenienz‘ sowie ,Inhalt‘) oben mittig ein rechteckiges Stück (28 x 18 mm) ausgeschnitten wurde. Auf dem Holz Abklatsch hebräischer (?) Schrift, etwas auf die Bulle überlappend, was darauf hindeutet, dass der Kettenhalterung ein separates Pergamentstück unterklebt war. Auf dem Vorderdeckel zwei Titelschilder: Thomas de Aquino super te(rtio) sententiarum (in der linken unteren Ecke: C∙XX) und Scriptum super tertio senten(tiarum) Thome de Aquino (vgl. Titelschilder auf dem Vorderdeckel von Cod. 296; diese Handschrift ebenfalls aus der Schenkung Abt Ottos, s. ,Entstehung und Provenienz‘). Die Kapitale mit hellem Garn der Bindung umstochen (Oberschnitt, Unterschnitt).

ENTSTEHUNG UND PROVENIENZ

Der Ursprung der Handschrift liegt in Südfrankreich, sehr wahrscheinlich im 1. Viertel des 14. Jahrhunderts (s. ,Stil und Einordnung‘); das lässt sich zumindest für die erste Floratorenhand mit Sicherheit festlegen. Die Abschrift der Bulle Ad fructus uberes auf dem hinteren Spiegel (s. ,Inhalt‘) deutet darauf hin, dass der Band ursprünglich einem Angehörigen eines Bettelordens gehörte – eventuell dem Bruder bzw. dem Konvent, deren Namen auf dem vorderen Spiegel (s. ,Inhalt‘) radiert wurde. Die Bulle stärkte die Position der Mendikanten im Verhältnis zum Weltklerus, womit sich Martin IV. auf Papst Alexander IV. zurückbesinnt, der im 1252–1266 an der Pariser Universität schwelenden Mendikantenstreit – in dem auch Thomas von Aquin eine Rolle spielte – zugunsten der Bettelorden eingegriffen hatte.[1] Der Codex muss vor dem 1. 10. 1331 nach Garsten gelangt sein, da er in einer zu diesem Zeitpunkt in Garsten ausgestellten Urkunde aufgeführt wird, mit der Bischof Albert von Passau (1320–1342) eine insgesamt 26 Bände umfassende Donation des Abtes Otto von Garsten (1317–1333) an die KIosterbibliothek bestätigt, s. Oberösterreichisches Landesarchiv Urkunden Garsten (1082–1778) 1331 X 01, unter der URL: http://monasterium.net/mom/AT-OOeLA/GarstenOSB/1331_X_01/charter.[2] Noch im 17. Jahrhundert befand sich die Handschrift in Garsten, was der vom Prior und Archivar P. Seraphin Kirchmayr (1595–1660) vorgenommene Vermerk auf f. 1r belegt:[3] Novo monasterii B. Virg. in Gärsten librorum catalogo inscriptus sub [durchgestrichen: No.] 15. A. Garsten wurde 1787 aufgehoben, danach kam der Band nach Linz.

INHALT

Vorderer Spiegel Erwerbungsnotiz (Name des in Rede stehenden Bruders ausgekratzt), Bücherfluch und Bitte um (Toten‑)Gedenken: Istum tertium sententiarum comparavit frater [ausgekratzt] multis laboribus et deputavit eum [ausgekratzt] tali conditione quod nec ipse ordo habeat auctoritatem alienandi eum a communi usu et utilitate fratrum volentium studere in eo. Et quicumque secus fecerit vel ausus attemptare fuerit morte moriatur et maledictio pro benedictione signata eum. Peto pure propter Deum quatenus singulis annis conventus ad quem proprietas libri devoluta fuerit in anniversario meo michi dicat vel cantet viginti novem lectionum et missam pro defunctis [ausgekratzt]; darunter mittelalterliche Garstener Signatur C, 19. – ff. 1ra167vb Thomas de Aquino, Commentarius in tertium librum Sententiarum, Kopftitel (s. ,Buchschmuck‘): Incipit tercius fratris Thome, Überschrift: Incipit scriptum super tercium sententiarum editum a fratre Thoma de Aquino ordinis predicatorum, Inc. (Proömium): Ad locum unde exeunt, Expl.: ... in qua cum Christo vivamus per omnia saecula saeculorum. Amen (F. Stegmüller, Repertorium commentariorum in sententias Petri Lombardi, 2 Bde. Würzburg 1947, Nr. 846.III; Hs. nicht genannt). – ff. 167vb169vb Index dd. 1–29 (Rest fehlt, insges. 40 Distinctiones). – Hinterer Spiegel Papst Martin IV., Bulle Ad fructus uberes, Inc.: Martinus episcopus servus servorum Dei dilectis filiis [ausgeschnitten] provincialibus prioribus ordinis fratrum predicatorum salutem et apostolicam benedictionem. Ad fructus uberes [ausgeschnitten] (domi)nico predicando verbo pariter, Expl.: … Nulli ergo etc. Si quis autem etc. Datum anno Domini mo cco lxxxiio iiiio ydus yanuarii [10. Januar 1282], pontificatus nostri anno primo (Ed. G. D. Mansi, Sacrorum conciliorum nova et amplissima collectio, 31 Bde. Florenz [u. a.] 1759–1798, Nachdruck Graz 1960–1961; hier Bd. 24 [Venedig 1780] Sp. 388 f.; Bd. 24 zugänglich unter der URL: http://www.documentacatholicaomnia.eu/01_50_1692-1769-_Mansi_JD.html); über dem Bullentext Federproben, u. a. furetur istum librum; darunter ausradierter Text (insgesamt 4 Zeilen).

BUCHSCHMUCK

Anfangsbuchstaben rot gestrichelt oder gepunktet; abwechselnd rote und blaue Paragraphzeichen (mit verlängertem Oberstrich, z. B. f. 1r); rot(‑tintenfarbene) Zeilenanschlusszeichen, rote Unterstreichungen, f. 9v längere Ergänzung auf dem Seitenrand mit Rubrizierung, f. 167vb Ergänzung auf Seitenrand rot gerahmt; auf Versoseiten (z. B. f. 1v) rotes Distinctio-Kürzel mit blauen Verzierungen, auf Rectoseiten (z. B. f. 2r) Distinctio-Nummerierung in abwechselnd roten und blauen (vereinzelt schwarzen) römischen Ziffern mit blauer (selten schwarzer) Dekorstrichelung; ff. 74v–75r abweichend; Kopftitel f. 1r in abwechselnd roten und blauen Großbuchstaben mit Zierhäkchen in der Gegenfarbe; in Rot (von einer unsichereren Hand) Quaestio‑, Glossa‑ und Responsio-Kürzel; wenige Zeigehände, z. B. ff. 3vb, 98vb (mit gelängtem Zeigefinger). Fol. 100r im Interkolumnium spätere ungelenke Bleistiftzeichnung einer Blattranke mit kugelig einrollten Blattspitzen; f. 54vb unter der letzten Textzeile mit Bleistift zwei kritzelige, linierte Dreiecke hinzugefügt.

Abwechselnd in Rot und Blau ausgeführte ein‑ bis zweizeilige Lombarden, zu Beginn der Distinctiones, aber auch der weiteren Unterabschnitte, in der Regel dreizeilig; die kleineren Lombarden größtenteils schmucklos, nur selten mit Konturlinien und Fadenausläufern (z. B. ff. 75rb, 133vb: kurzer Ausläufer mit zwei Perlen); die größeren als Fleuronné-Lombarden gestaltet. Diese meist bogenförmig oder kopfstempelartig rot-blau gespalten (selten lineare Aussparungen in den blauen Partien) und mit Ornament in Rot und/oder Blau respektive Violett verziert; alle Fleuronné-Lombarden der zweiten Hand (s. u.) mit Fleuronné-Leisten (halbe bis ganze Spaltenhöhe). Zum Beginn des Proömiums eine Fleuronné-Initiale, fünfzeilig; die Kolumnen der Einleitungsseite (Proömium) vollständig mit Fleuronné-Leisten gerahmt.

Das Fleuronné kann zwei Haupthänden zugewiesen werden. Hand 1, ein routinierter Zeichner, führte die Einleitungsinitiale f. 1ra samt Kolumnenrahmung aus, ebenso die Initialen ff. 1rb(1) (und 1rb2), 11vb und 32vb(1); recht ähnlich, aber eventuell von einem anderen Zeichner (Hand 1b), das schwungvolle Fleuronné ff. 26rb, 29va, 32vb(2); wohl ebenfalls von einer separaten Hand (Schreiber?) die I-Initiale f. 36rb; alle anderen Initialen von der etwas unsicher arbeitenden Hand 2 (diese Gruppe von Fleuronné-Initialen jedoch etwas uneinheitlich und daher vielleicht von mehr als nur einer Hand ausgeführt).

Kennzeichnend für Hand 1 sind insbesondere die quadratischen Perlen mit Kernen sowohl im Binnen‑ als auch im Besatzdekor; außerdem die Spiralenlinien in den kleinen Binnenfeldern und als Serifenbesatz, die Engmaschigkeit des Ornaments und die Verwendung von Violett. Zusätzlich wenig Knospenfleuronné (Knospen in Eckpositionen zugespitzt). Binnenfelder und Besatzmedaillons der Eingangsinitiale doppellinig konturiert; als Zentralmotiv des oberen Besatzmedaillons und des oberen Binnenfeldes jeweils eine Sternblüte; das untere Binnenfeld durch Doppellinien kreuzförmig geteilt und die Kompartimente mit langstieligen Knospen gefüllt; die zentralen Motive durch bogenförmige Leisten quadratischer Perlen gerahmt. Am oberen Besatzmedaillon sowie an den Ecken der Kolumnenrahmung kompakte, orthogonal abstehende Fadenausläuferbündel mit Besatz; ausschwingende Fadenausläuferenden; der Faden am Medaillon biegt sich in einem großen Bogen zurück und verläuft dann völlig geradlinig (dieser Abschnitt mit kleinen Kreisen, Querstrichen und Quadraten verziert). Als Besatz zudem Fibrillen, diverse Häkchen (fallweise mit kleinen Kreisen am Ende) und kleine Spiralen. Die Binnenfelder ff. 1rb(1), 11vb und 32vb(1) mit eng gewickelten (Doppel‑)Spiralen gefüllt (unteres Binnenfeld f. 1rb(2): Sternblüte). Fol. 32vb(1) der blaue Fleuronné-Anteil wohl von Hand 2, da die Besatzperlen gerundet sind und eine mittelblaue, teilweise verblasste Tinte verwendet wurde – Hand 1 verwendet statt Violett statt Blau (s. Einleitungsinitiale). Fol. 36rb das Fleuronné mit bräunlich-roter Tinte gezeichnet (rotes Fleuronné sonst zumeist zinnoberrot), am äußersten der saitenartig eingezeichneten Begleitfäden eine offene Perle.

Die Kolumnenrahmung der Einleitungsseite baut sich auf aus einer dickeren blauen Hauptlinie, die von feineren roten Konturlinien begleitet wird und einseitig mit alternierend roten und blauen kopfstempelartigen Silhouettenmotiven besetzt ist (jedes Besatzmotiv von einer eigenen Konturlinie hinterfangen, die sich an einem Ende zu einer kleinen, mit einem Häkchen besetzten Volute eindreht).

Charakteristisch für Hand 2 ist ihre Variationsfreude, insbesondere in der Komposition der Fleuronné-Leisten; zusätzlich zur roten und zu einer blauen (jetzt zuweilen verblichenen bzw. abgeriebenen) Tinte verwendete dieser Florator fallweise eine heute bräunlich verblasste Tinte (z. B. f. 43va). In den Binnenfeldern oft Spiralen und (langstielige) gepunktete Knospen (sowohl gerundet als auch spitz); die Aufgliederung der Binnenfelder meist etwas ungelenk (s. z. B. die Bogenunterteilung f. 68ra). – Die Leisten geradlinig entlang der Textkolumnen geführt; als Grundlinien zwei oder mehr Fadenausläufer, an denen sich der Dekor in der Regel spiegelsymmetrisch (z. B. f. 92ra), aber auch einseitig (z. B. f. 63vb) anordnet; f. 115ra fügt sich der Dekor zwischen zwei Linien ein, so dass der Eindruck eines Bandes entsteht, das zudem die beiden Lombarden auf dieser Seite verknüpft; f. 48ra zwei Doppellinien als Grundstruktur, an denen sich langstielige spitze Knospen aufreihen (die Felder unter den Knospen vollfarbig ausgemalt, wodurch ein ornamentaler Effekt erzeugt wird). Als Besatz ebenfalls Spiralen und langstielige Knospen; zudem Perlen, ungepunktet, in diversen Kombinationen (z. B. f. 60va), oder gepunktet und aufgereiht (z. B. f. 78va); die Perlen zumeist gerundet, nur selten quadratisch (z. B. f. 3ava); kurze, spitzwinklig abstehende Fäden (Punkte an den Enden, z. B. f. 39va, oder Häkchen, z. B. f. 6va), die, falls sie gespiegelt werden, ährenförmige Elemente ergeben; als Endmotiv der Besatzfäden auch dreiblättrige Blütchen möglich (z. B. f. 45rb), diese nur einseitig ausgeführt; etliche häufig gespiegelte Silhouettenmotive: vor allem gezahnte I-Formen (z. B. f. 165vb) und kopfstempelförmige Motive mit Blättchendekor (z. B. ff. 94vb, 99rb); kleinere Ziermotive als Leistenbesatz und/oder als Endmotive des etwas unelastisch ausschwingenden Fadenwerks: unter anderem Fibrillen (z. B. f. 3ava), mit Häkchen besetzte Spiralen (z. B. f. 26va), kreuzschraffierte Kreise, die wie Schmuckkugeln oder Früchte an Häkchen aufgehängt sind (z. B. ff. 6va, 60va); vereinzelt auffälligere Motive an den Leistenenden, z. B. f. 60va ein zirbelnussartiges, kreuzschraffiertes Oval als Bekrönung und ein großes Spitzblatt als unterer Abschluss.

STIL UND EINORDNUNG

Das Fleuronné der ersten Hand, insbesondere der Dekor der Einleitungsseite (f. 1r) spricht dafür, dass der Codex in Südfrankreich entstand, wohin im 14. Jahrhundert, ausgelöst durch die Verlegung des päpstlichen Hofes nach Avignon, viele Schreiber und Buchmaler insbesondere Bologneser Herkunft gelangten.[4] Man vergleiche beispielsweise ff. 1v und 23v der Handschrift Bamberg, Staatsbibliothek, Msc. Can. 18#1 (Volldigitalisat unter: urn:nbn:de:bvb:22-dtl-0000014998), die aufgrund der Mischung von französischen und Bologneser Elementen nach Südfrankreich gegeben und um 1300 datiert wird.[5] Hervorzuheben sind die Übereinstimmungen in der Verwendung von roter und violetter Tinte und in Bezug auf den Formenschatz, zu dem die rahmenden bogenförmige Leisten, quadratische Perlen sowie Spiralen als Besatz‑ und Binnenfeldmotive zählen. Ebendiese Kongruenzen kann man auch für den Codex Paris, BnF, nouv. acq. lat. 1171 festmachen, speziell für die Initiale auf f. 1r (Abb. unter der URL: http://visualiseur.bnf.fr/Visualiseur?Destination=Mandragore&O=06000563&E=25&I=160094&M=imageseule).[6] Diese nach „Avignon-Toulouse“ lokalisierte Handschrift beinhaltet Datierungen von 1311 bis 1315/16. Noch besser lässt sich die wohl um 1320 ebenfalls in Südfrankreich entstandene Thomas von Aquin-Handschrift Rom, BAV, Vat. lat. 807 – und zwar die gesamte und umfangreiche Fleuronné-Ausstattung – mit der ersten Zeichnerhand des Cod. 438 vergleichen (Volldigitalisat unter der URL: http://digi.vatlib.it/view/MSS_Vat.lat.807).[7] Zusätzlich zu den Farben der Tinten, den quadratischen Perlen im Besatz sowie im Binnenfeld, hier kombiniert mit bogenförmigen Leisten (in Vat. lat. 807 z. B. f. 271v), stimmen zudem die teppichartige Wirkung des Binnenfelddekors und der kopfstempelartige Besatz auf den Fleuronné-Leisten (in Vat. lat. 807 z. B. f. 268v) überein.

Hand 1(b) gestaltete außer der Einleitungsinitiale nur wenige Lombarden, die sich zudem auf die ersten drei Lagen beschränken; einige davon markieren Lagenanfänge bzw. ‑enden (ff. 11v, 32v). Hand 2, die alle anderen, also das Gros der Lombarden verzierte, könnte aufgrund der Kombination von französischen und italienischen Fleuronné-Formen ebenso in Südfrankreich tätig gewesen sein, eventuell aber auch vor Ort in Oberösterreich, wo ebenfalls französische und italienische Einflüsse im Fleuronné greifbar werden – siehe zum Beispiel die Fleuronné-Produktion der Zeit im St. Florianer Skriptorium.[8] Vergleicht man Fleuronné der zweiten Hand mit erhaltenem Fleuronné von Floratoren Garstener Provenienz, so ergeben sich keine Handgleichheiten oder eindeutige Hinweise, mit deren Hilfe man Hand 2 direkt nach Garsten verorten könnte. Auf jeden Fall muss der Codex vor 1331 nach Garsten gekommen sein (s. ,Entstehung und Provenienz‘), das heißt Hand 2 ist auf jeden Fall ins erste Drittel des 14. Jahrhunderts zu datieren.

Südfranzösisches Fleuronné, wie es insbesondere die Eingangsseite von Cod. 438 ziert, könnte als Inspiration speziell für die Verwendung quadratischer Perlen in späteren Codices aus Garsten (und St. Florian) gedient haben.[9]

LITERATUR

Siehe die Liste oberhalb der Beschreibung

Beschreibung von Susanne Rischpler, Erstversion 30. 8. 2017


[1] Hierzu beispielsweise S. STECKEL, Auslegungskrisen. Grenzarbeiten zwischen Wissenschaft, Recht und Religion im französischen Bettelordensstreit des 13. Jahrhundert, in: M. MULSOW, F. REXROTH (Hg.), Was als wissenschaftlich gelten darf. Praktiken der Grenzziehung in gelehrten Milieus der Vormoderne. Frankfurt a. M. [u. a.] 2014, 39–90, insbes. 58.

[2] Zur Bücherschenkung des Abtes Otto s. auch H. PAULHART, Mittelalterliche Bibliothekskataloge Österreichs 5: Oberösterreich. Wien [u. a.] 1971, 19–24, bes. 22–24; HOLTER 1956 (s. ,Literatur‘) 297; HOLTER 1985 (s. ,Literatur‘) 100–102 bzw. 958–960. – Folgende Linzer Codices gehören ebenfalls zu dieser Bücherschenkung: Cod. 296, 304, 382, 387, 439, 440, 446–449.

[3] Siehe K. HRANITZKY, Der Fleuronnée-Dekor in den Inkunabeln und Handschriften des 15. Jahrhunderts aus dem Benediktinerstift Garsten, in: Neue Forschungen zur Buchmalerei (Wiener Jahrbuch für Kunstgeschichte 58). Wien [u. a.] 2009, 225–242, hier 225, Anm. 2.

[4] Siehe K.-G. PFÄNDTNER, Die Anziehungskraft der Universitäten, in: CH. BEIER, E. TH. KUBINA (Hg.), Wege zum illuminierten Buch. Herstellungsbedingungen für Buchmalerei in Mittelalter und Früher Neuzeit. Wien [u. a.] 2014, 45–65, hier 59.

[5] Zur Handschrift (Guilelmus de Mandagoto, Libellus super electionibus faciendis et earum processibus ordinandis, glossiert): K.-G. PFÄNDTNER, S. WESTPHAL, Die Handschriften des 13. und 14. Jahrhunderts der Staatsbibliothek Bamberg. Wiesbaden 2015, 213 f., Kat. 146 (K.-G. PFÄNDTNER), auch unter der URL: http://www.manuscripta-mediaevalia.de/dokumente/html/obj31726677.

[6] Freundlicher Hinweis auf diese Handschrift von Dr. M. SCHULLER-JUCKES, Wien; zur Hs. (Bernardus Guidonis, Opera varia): Ch. Samaran, R. Marichal, Catalogue des manuscrits en écriture latine portant des indications de date, de lieu ou de copiste 4/1 (Paris 1981), 151: ff. 1r–110r, Flores chronicarum, dat. 1311 (f. 1v, Avignon) und 1315 (Vorsatzblatt, Toulouse, Datierung korrigiert zu 1316); Bd. 4/2: pl. XL (f. 1r).

[7] Freundlicher Hinweis auf diese Handschrift von Dr. M. SCHULLER-JUCKES, Wien; zur Hs. (Opuscula I): F. MANZARI, Contributi per una storia della miniatura ad Avignone nel XIV secolo, in: J. HAMESSE (Hg.), La vie culturelle, intellectuelle et scientifique à la cour des Papes d’Avignon (Textes et Études du Moyen Âge 28). Turnhout 2006, 111–140, hier 124 f. Cod. Vat. lat. 807 gehört zu einer Handschriftengruppe mit Werken des Thomas von Aquin, die Papst Johannes XXII. wohl anlässlich der Heiligsprechung des Aquinaten 1323 geschenkt wurden.

[8] G. SCHMIDT, Die Malerschule von St. Florian. Beiträge zur süddeutschen Malerei zu Ende des 13. und im 14. Jahrhundert (Forschungen zur Geschichte Oberösterreichs 7). Graz [u. a.] 1962, 173–189 (Exkurs 10: Entwicklung der Fleuronné-Initialen in St. Florian).

[9] HOLTER, Garsten (s. ,Literatur‘) 958 (100). Zur Fleuronné-Produktion in Garsten s. Anm. 3, zu St. Florian s. Anm. 8.

 

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