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Der Krieg an der italienischen Front. Angriff der Mittelmächte.
aber hätte die gesamte Front bis zur Hochfläche von Asiago, also nicht nur
die Karnische Gruppe, sondern auch die ganze 4. Armee zurückgenommen
werden müssen. Am 2. November gab General Cadorna Befehle zum
Halten der Tagliamento-Front, bereitete aber gleichzeitig auch alles für
den vielleicht doch noch notwendig werdenden weiteren Rückzug vor.
Betrachtungen.
Die außerordentlichen Schwierigkeiten, vor die sich die deutsche Füh¬
rung und Truppe bei Überwindung des straßenarmen Gebirges gestellt
sahen, waren dem Gegner in weitestem Maße zugute gekommen. Hätte
General Cadorna seine sehr starken Reserven frühzeitig mit Eisenbahn,
Kraftwagen und Fußmarsch nordwestwärts verschoben, so hätte er den
Angriff der zunächst nur mit ganz geringer Artillerie und unzureichender
Munition ausgestatteten Truppen der 14. Armee an den Gebirgsaus-
gängen von Gemona bis Cividale vielleicht doch zum Stehen bringen
können. Auch ein geschlossener Gegenangriff aus dem Raume Cividale—
üdine nach Norden hätte den Gegner aushalten können. Da aber General
Cadorna seine Anordnungen für den Rückmarsch traf, ohne der 14. Armee
ausreichende Kräfte entgegenzuwerfen, machte schließlich das Hochwasser
des Tagliamento eine Katastrophe unvermeidlich und unterbrach erst, nach¬
dem diese eingetreten war, die Verfolgung durch den Gegner.
Die Beute, die die deutschen und österreichisch-ungarischen Truppen
am östlichen Tagliamento-Üfer machten, war riesengroß. Sie hätte noch
größer werden können bei schärferem Vorwärtsdrängen der beiden Isonzo-
Armeen, vor allem aber bei Durchführung des von General von Hofacker
für den 30. Oktober schon angesetzten Angriffs von drei deutschen Divisionen
am Tagliamento entlang nach Süden aus Latisana. Wohl waren diese
an Artillerie einstweilen sehr schwach, nur die 5. Infanterie-Division hatte
die ihrige vollzählig zur Hand, die 26. hatte nur vier, die 200. sechs Gebirgs-
Batterien und alle drei nur sehr wenig Munition. Der Angreifer wäre
also vielleicht in eine recht schwierige Lage gekommen, denn sein Stoß
führte in die Flut verzweifelt um ihr Dasein ringender, am Kampfe bisher
nicht beteiligter italienischer Massen. Die Hergänge bei Codroipo und
der heute bekannte Zustand der dort und weiter südlich zurückflutenden
italienischen Truppen lassen aber kaum einen Zweifel, daß zielbewußte
Fortsetzung des Stoßes nach Süden nicht nur die Beutezahlen noch wesent¬
lich gesteigert, sondern — was wichtiger war — auch große Teile der bisher
wenig erschütterten italienischen 3. Armee zur Auslösung gebracht hätte.
Jedenfalls hätte der Gegner den Übergang bei Latisana nicht wie ge¬
schehen — bis zum 1. November ungestört fortsetzen können.