Volltext: Die alte Geschichte des jüdischen Volkes (2, Orientalische Periode / 1925)

Die Entstehung des Christentums 
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angetan mit einem groben Gewände aus Kamelhaar und mit einem Le 
derriemen umgürtet daher kam. Der rauhe feremit, der durch sein Ge 
haben an den alten Propheten Elias erinnerte, zog an den Ufern des 
Jordan umher, des längeren in Galiläa und Peräa verweilend, und 
rief das Volk zur Buße auf, denn der Zorn Gottes werde bald über 
das Land hereinbrechen. Er verkündete, daß das „Himmelreich“ und 
das Jüngste Gericht Gottes, für die Bösen verderblich, für die Guten 
erlösend, vor der Tür stehe. „Tut Buße, denn das Himmelreich ist 
nahe!“ — dies war der Kehrreim aller seiner Reden. Als Symbol der 
Läuterung von den Sünden galt der essäische Brauch des Tauchbades 
im Flusse. Der Name des Predigers war Jochanan oder Johannes; 
späterhin erhielt er den Beinamen der „Täufer“, da seine Jünger den 
Akt der „Taufe“ oder des Tauchbades zu vollziehen pflegten. 
Aus welchen Gesellschaftskreisen dieser Mann hervorgegangen ist, 
bleibt unbekannt. Die evangelische Legende macht Johannes zum 
Sprößling eines Priestergeschlechtes, den seine Eltern von Kindheit 
auf „Gott geweiht“ hätten. Solche gottgeweihte „Nasiräer“ enthielten 
sich des Weingenusses und der geschlechtlichen Berührung. Die Es- 
säer kannten ein gemäßigtes Nasiräer tum in ihren religiösen Kommu 
nen, während die extremen Nasiräer Einsiedler wurden. Von dieser 
Einsiedlerart war auch der „in der Wüste wandernde“ Johannes. 
Wenn aber auch Johannes zu Beginn seines asketischen Lebensweges 
dem Essäertum nahestand, so ging er später in der Verleugnung des 
geschichtlichen Judaismus viel weiter als diese Sekte. 
Zu Johannes — so erzählt die Sage — kam viel Volks aus Judäa 
und den „Ländern an dem Jordan“, um die Taufe im Jordan zu emp 
fangen und die Sünden zu beichten. Dabei redete der Prediger zu 
dem Volke von dem kommenden Gerichte Gottes: „Schon ist die 
Axt den Bäumen an die Wurzel gelegt. Darum welcher Baum nicht 
gute Frucht bringt, wird abgehauen und ins Feuer geworfen“. Wenn 
man ihn fragte, wie man handeln solle, antwortete er: man solle seine 
Kleider mit den Notdürftigen teilen; den Steuerpächtern oder „Zöll 
nern“ redete er aber zu, nicht über das Festgesetzte hinaus abzuforj- 
dern, und den Kriegern — niemand etwas zuleide zu tun. Neben die 
ser Predigt der Tugend und der sittlichen Läuterung fand der rauhe 
Einsiedler jedoch auch zornige Worte gegen den nationalen Hoch 
mut der Juden. „Ihr Otterngezüchte! — rief er einst einer Gruppe
	        
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