Volltext: Die alte Geschichte des jüdischen Volkes (2, Orientalische Periode / 1925)

Die Entstehung des Christentums 
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Rechnung tragen, und so machte er die harte religiös-sittliche Zucht 
zur Voraussetzung für die Erhaltung des Keims. Die späteren geisti 
gen Führer, von Esra bis zu den Pharisäern, Augenzeugen der schwe 
ren Krisen der jüdischen Staatlichkeit, sahen die Unzulänglichkeit 
der rein moralischen Disziplin ein und ergänzten sie daher durch 
die Zucht des religiösen Gesetzes, des Ritus. Unermüdlich schmiede 
ten die Pharisäer die eiserne, für die Pfeile der griechisch-römischen 
Kultur undurchdringliche Rüstung des Gesetzes. Die schwere Rü 
stung hemmte die Bewegungen, doch man entledigte sich ihrer nicht, 
denn die Gefahr des politischen und geistigen Druckes der heidni 
schen Umwelt war zu groß. Indem sich jedoch das Judentum gegen 
die umgebende Welt absperrte, stieß es diese immer weiter von sich 1 
und rückte dadurch die Verwirklichung des prophetischen Ideals 
der Verwandlung des Judaismus in eine Weltreligion immer mehr 
in die Ferne. So hatte sich der Kreis geschlossen: zur Erhaltung des 
jüdischen Volkes, des Trägers der wahren Religion, tat es not, seine 
Vermischung mit den anderen Völkern zu verhindern und es in den 
Harnisch der nationalen Religion einzuzwängen, während für die Ver 
wandlung des Judaismus in eine universale Religion es ebenso ge 
boten war, sich mit der Auflösung des auserwählten Volkes unter 
den anderen abzufinden. Es wurde immer klarer, daß nur eine indi 
vidualistische Religion, nur der der nationalen Färbung entbehrende 
persönliche Glaube zum Universalismus aufzusteigen vermag, denn 
die persönlichen religiösen Bedürfnisse sind psychologisch bei allen 
Menschen die gleichen. Die Neigung zum persönlichen Glauben ver 
stärkte sich aber gerade damals in gewissen Kreisen des Judentums 
infolge der Hypertrophie der pharisäischen nationalen Religiosität. 
Noch war es den Essäern möglich, das Prinzip des persönlichen Glau 
bens mit dem komplizierten System der rituellen Strenge zu ver 
einen, aber sowohl in ihrer Mitte wie auch um sie herum brach sich 
das Bewußtsein von der Bedingtheit der rituellen Formen immer mehr 
Bahn. Philo von Alexandrien machte allerdings den Versuch, das 
religiöse Ritual durch sein System der sittlichen Symbolik zu retten, 
doch erwies sich seine philosophische Synthese der nationalen und 
universalen Religion in der Atmosphäre des Widerstreites zwischen 
Nation und Welt als durchaus unzeitgemäß. 
Die Antinomie zwischen nationaler und persönlicher Religiosität 
hatte sich im letzten Jahrhundert des Bestehens Judäas besonders
	        
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