Volltext: Die alte Geschichte des jüdischen Volkes (2, Orientalische Periode / 1925)

§ 6U. Die Anfänge der Diaspora in Europa 
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genen unzüchtigen kleinasiatischen Kulte erlassene Verbot brauchte 
naturgemäß den jüdischen Kultus nicht zu berühren, da er, trotz sei 
ner orientalischen Herkunft, über jeden Verdacht, orgiastischen Aus 
schweifungen zu frönen, durchaus erhaben war. Die jüdische Ge 
meinde in Rom wußte die Gönnerschaft Caesars sehr wohl zu schät 
zen und nahm nach dessen gewaltsamem Tode regen Anteil an der 
öffentlichen Trauer. So berichtet der römische Geschichtsschreiber 
Suetonius, die Juden Roms hätten ganze Nächte hindurch bei der 
Asche des zugrunde gegangenen Diktators Wache gehalten und sei 
nen frühzeitigen Tod bitterlich beweint. 
Unter Kaiser Augustus würde die jüdische Kolonie in Rom noch 
zahlreicher. Sie und die Hauptstadt Judäas standen in ständiger Ver 
bindung miteinander. So wissen wir bereits, daß die Söhne und Erben 
Herodes I. in Rom ihre Erziehung genossen, und daß gar oft Ge 
sandtschaften und Abordnungen des judäischen Hofes und Volkes 
dort vorsprachen. Die römischen Juden beteiligten sich ihrerseits in 
lebhaftester Weise an dem Kampf der politischen Parteien, der um 
jene Zeit Judäa in Atem hielt. Als nach dem Tode des Herodes 
dessen Thronerben in Rom erschienen, um sich den Besitz der ihnen 
hinterlassenen Landesteile durch die Sanktion des Kaisers Augustus 
zu sichern, schlossen sich die römischen Juden nicht den Prätendenten 
an, sondern der gleichfalls nach Rom gekommenen Abordnung der 
Jerusalemer Rürger, die die Umwandlung Judäas in einen freien 
Volksstaat zu erwirken suchte (§ 57). Dem Berichte des Josephus 
zufolge waren es über 8000 römische Juden, die durch ihre Vertre 
ter den Antrag der Volksdeputation unterstützten. 
Nach den Anspielungen in den Werken der römischen Schrift 
steller des „goldenen Zeitalters“ (Horaz, Tibullus, Ovid) zu urteilen, 
beobachteten die Juden in Rom in strengster Weise die wichtigsten 
Gesetze ihrer Religion, und namentlich die Vorschriften über die 
Sabbatruhe. Diese Treue der Juden ihrem nationalen Glauben gegen 
über, die sich dazu noch mit einem außerordentlichen Feingefühl für 
das allgemeine politische Leben der Reichshauptstadt paarte, ver 
setzte die Römer, die in ihrer Mitte nur sich rasch angleichende 
Orientalen zu sehen gewohnt waren, in Staunen und flößte ihnen 
manchmal sogar Furcht ein. Besorgniserregend für die Römer war 
auch der Hang der Juden zu religiöser Propaganda. Dies erklärt zur 
Genüge die hämischen oder höhnischen Bemerkungen der genannten
	        
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