Full text: Illustrierte Kriegsbeilage Nr. 23 1916 (Nr. 23 1916)

Die Kriegswalkfayrt auf bett Uöftkingöerg Bet Linz am 14. Mai 1916. mot. m,mn, sin3.) 
Der Hochwürdigste Herr Bischof in der Prozession. Den prachtvollen Hintergrund bildet die im Tale liegende Landeshanptstadt- 
Mr. 23. 
Honnlag, 4. Juni 
Die Nerven der Armee. 
(Fortsetzung.) 
(Nachdruck verboten.) 
Unter dem Titel „Die Nerven der Armee" hat der Schriftsteller Erich Sp aeth e, 
der gegenwärtig als Marinetelegraphist in Brüssel weilt, eine Sammlung von 
Tagebuchblättern veröffentlicht (Berlin, Leonh. Simion), denen wir mit Er¬ 
laubnis des Verfassers folgende Schilderungen entnehmen. 
Die Hauptocrmittlungsftation. 
Schwarz-weiß-rot umränderte weiße Zettel kleben 
an der Mauer des kleinen Hauses, in dem die Leitungen 
des Korps zusammenlaufen. Der Regen fegt darüber 
hin und seine Nässe zieht das dünne Papier zu Blasen 
auf. Aber die Menschen der Stadt bleiben stehen, trotz 
des Regens. Deutsch, französisch und russisch kann man 
lesen, daß Beschädigungen von Fernsprechleitungen nach 
Kriegsrecht bestraft werden. 
Und als wir trotz der drohenden Aufschrift: „Ein¬ 
tritt verboten!" die Tür zu dem Heiligtum öffnen, sind 
wir befangen von der tiefen Stille, die hier herrscht. 
Nur gleichmäßiges Klopfen dringt an unser Ohr. Lang 
— kurz — lang. In schneller Folge wiederholen sich 
die Zeichen; sie reden die Sprache des Sieges und der 
Freude, des Todes und der Trauer. 
Mit staunenswerter Gleichmäßigkeit arbeitet der 
Telegraphist ant Klopfer und in demselben Tempo über¬ 
setzt ein anderer die ankommenden und dem Nichtein¬ 
geweihten unverständlich erscheinenden Zeichen. In gleich¬ 
mäßigen Zwischenräumen ertönt von der anderen Seite 
her das Aufziehen des Fernschreibers, der mit vierfacher 
Geschwindigkeit arbeitet. 
In einem zweiten Raum liegt die Hauptfernsprech¬ 
vermittlung des Korps. Beim Eintritt erblicken wir 
mehrere schrankähnliche Gebilde, die mit kleinen schwarzen 
Klappen, Löchern und Schnüren mit Stöpseln versehen 
sind. Drei Telegraphisten sitzen davor, den Hörer am 
Ohr, den Sprechtrichter auf der Brust. Eben fällt eine 
Klappe. Nummer 4 wird sichtbar. Sie stellt die Visiten¬ 
karte einer Division dar, die uns elektrisch übermittelt 
wird. Schnell steckt der Telegraphist einen Stöpsel in 
das Loch, das sich unter der Klappe befindet und meldet: 
„Hier Hauptvermittlung Generalkommando." — Einen 
Augenblick Stille. Die Division gibt die gewünschte 
Verbindung an. Dann wirft der Telegraphist schnell einen 
Blick auf den Schrank, ob die gewünschte Leitung frei 
und antwortet: „Ich verbinde" oder „Besetzt". So gebt 
es fort und fort. 
Dazwischen hört man die monotone Frage: „Wird 
noch gesprochen?" „Wird noch gesprochen?" — Keine 
Antwort — unb flugs fliegen zwei Stöpsel zurück. Un¬ 
aufhörlich fallen bie Klappen. Oft mehrere auf einmal. 
Der Reihe nach wird abgefragt und emsig gehen des 
Die Kriegs,vassfaljrt auf bett I'östkingöerg 
Linz 
ant 14. Mai 1916. 
Das Gnadenbüd wird feierlich 
Zuge von vier Klerikern getragen 
im 
(Phot. Schwarz, Lrnz.) 
Telegraphisten Hände hin und her. Die Röte des Kopses 
und das Zittern der Hände deuten au, wie diese Tätig¬ 
keit auf die Nerven wirkt. Trotzdem verliert der junge 
Kriegsfreiwillige, ber vor uns sitzt, seine Ruhe nicht. 
Die militärische Erziehung verbietet ihm, ungeduldig zu 
werden, wenn er durch den Fernsprecher von einer Stelle 
aus getadelt wird, weil es „so lange" gedauert, bis er 
sich gemeldet hätte. Er hat keine Zeit und es hat ja 
auch keinen Zweck, auseinanderzusetzen, daß man nicht 
auf alle Anrufe auf einmal antworten kann, und daß 
mehrere Male die Antwort: „Leitung besetzt" gegeben 
werden muß, wenn noch gesprochen wird oder ein anderer 
diese Verbindung inzwischen erhalten hat. Acht Stunden 
arbeiten die Leute in der angegebenen Weife. Es be¬ 
deutet für sie eine Erleichterung, wenn sie an die Front 
kommen und dort als Störuugsfucher im feindlichen Feuer 
Verwendung finden. 
Wir nehmen Abschied von ihnen und setzen unsere 
Wanderung fort. Diese führt uns jetzt zu einem Ver¬ 
schlage, in dem die Apparate stehen, die Fernsprüche 
aufnehmen und abfetzen. Gerade greift der Telegraphist 
zum Fernsprecher. „Hier Stationsapparat General¬ 
kommando"; darauf die Gegenstation: „Hier 145. Jn- 
santerie-Brigade — ein Fernspruch!" „Bitte kommen!" 
Wort für Wort, Satz für Satz wird vorgelesen, wobei 
schwierige Worte nach einer besonderen Tabelle buch¬ 
stabiert werden. Jedes Satzzeichen wird genau beachtet, 
denn das Vergessen des winzigsten Kommas könnte Un¬ 
heil anrichten. Kleine Ursachen, große Wirkungen! Dies 
Wort darf der Telegraphist nie vergessen. 
Der Fernsprechsoldat auf der Station $. hat den 
Fernspruch niedergeschrieben und lieft ihn, feinem ganzen 
Inhalt nach, zur Kontrolle der Hauptvermittlung noch 
einmal vor. „Vergleich stimmt! Schluß!" Das Papier 
wird vorn Block gerissen. Der Stationsälteste, ein 
Unteroffizier, erhält das Schreiben. Er macht eine Ein¬ 
tragung in fein Kontrollbuch, hüllt den Fernspruch in 
einen Umschlag und schickt damit eine bereitstehende 
Ordonnanz ab. Der Mann kommt wieder und bringt 
den Umschlag als Quittung zurück. 
Keine 15 Minuten sind von ber Aufgabe bis zur 
Beförberung bes Telegramms vergangen. — — 
Hier auf ber Hauptvermittlungsstation befindet sich 
gleichsam das Nervenzentrum des ganzen Korps. Strahlen-
	        

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