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unter meiner „unstudirten" Scheere. Patient, der nun schon mehre Wochen
ganz an's Bett gefesselt war, fügte sich allgemach in das Schicksal eines
längeren Bettlagers, und um dasselbe weniger langweilig durchliegcn zu müssen,
fuhr er am 25. November, von seinem Bruder begleitet und auf einer Trag
bahre von Wagen zu Wagen transportirt, mit Courierzug in seine Heimath,
nach B.
Das Leiden war einfach eine Ueberanstrengung oder Zerrung eines inneren
Nerven oder inneren Gelcnkgewebes oder beides, und zwar infolge eines längeren
Marsches durch ein weites Feld frisch gefallenen tiefen Schnee's am Monte
Rosa, und mein Rath war und blieb wie von Anfang an ein und derselbe:
Umschläge, Schonung im Ganzen, doch täglich nach Möglichkeit einige Unter
haltung der Bewegung; im Ucbrigcn geduldiges Abwarten: die Wiedercrsetzung
des zäheren Nerven-, Sehnen-, Knorpel- oder Knochengewebes, wenn dieses
erkrankt ist, beansprucht nicht blos Wochen, sondern mehre, oft viele Monate.
Nach seiner Ankunft in B. gingen mir dann nacheinander folgende drei
Briefe von Herrn G- zu, unterm 30. November 1875:
1. Dank der Fürsorge und Umsicht meines Bruders ging die Reise hier
her vorirefstich: vom Dampfschiffskapitän bis zum letzten Schaffner vor B.
wetteiferten Alle in aufmerksamer Fürsorge und thatsächlicher Hilfe. Das
that wohl!
Dr. F., den ich gleich consultirte, hält den Zustand für keine Gelenkent
zündung. Sein Rath ist: in 8—14 Tagen Gehversuche, dann Wiesbaden.
Nach ihm der alte Wundarzt R. Diagnose: Keine Gelenkentzündung, nie
eine gewesen. Gypsverband unbegreiflich. Nervenleidens sofort Gehversuche.
Dr. L., wie Dr. F. '
Nach diesen hielt ich es für angezeigt, noch eine Autorität zu befragen und
rief Geheimrath Langcnbeck: Diagnose genau wie R.'sRath: gleich Geh
versuche, 4 Wochen Streichfrau, dann Wiesbaden.
Ich habe hier eine sehr comfortable Wohnung bei reizenden Leuten, wo
alles Erdenkliche für mein Wohlbefinden geschieht. Ich denke, es wird nun
Alles gut gehen.
2. Unterm 3. Januar: „Heute vor 10 Tagen befand ich mich noch
genau so, wie ich die Waid verlassen. Erst der energischen Aufforderung
des Geh. Rath Wilms, den ich nachträglich auch noch berieth, und der sich
sowohl in der Diagnose wie in der Behandlung völlig den andern Aerzten hier,
zumal Langenbeck anschloß und auch der Meinung ist, daß nie eine Gelenk
entzündung gewesen, auf Neurose mit wahrscheinlich vorangegangener Distorsion
(Zerrung) erkannte, gab ich schließlich Folge, da er Ruhe für den Fuß
als sehr verwerflich ansah und mich dringend aufforderte,
dieselbe sofort aufzugeben, den Fuß electrisiren und weiter von der
Streichfrau süchtig kneten zu lassen und zu gehen.
Die ersten 2 Tage bin ich an Krücken gegangen, weitere 2 Tage an zwei
Stöcken, dann an einem Stock, oft auch einige Minuten ohne denselben, in der
Stube. Heute bin ich zum ersten Male ausgegangen, etwa 8 Minuten von
hier und zwar in Stiefeln."
3. Unterm 12. Februar 1876: „Mit meinem Fuß kann ich zufrieden
sein. Jedenfalls war der Rath auch der hiesigen Aerzte, das Lager aufzugeben
und Gehversuche zu machen, wohl der allein richtige. Wenngleich ich immer
noch Schmerzen und Schwäche im Fuß habe, so gehe ich doch schon seit 14
Tagen ohne Stock auf der Straße, ohne zu lahmen und laufe seit 3
Tagen Schlittschuhe. Wenn ich bedenke, daß diese Resultate in 6 Wochen