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die Firnen, Gletscher und Pässe der Schweizer Hochalpen ab. Nach wenigen
Wochen jedoch, in Folge eines leichten Unfalles bei Besteigung des Monte
Rosa, sah sich unser Wanderer genöthigt, ferneres Alpenklettern aufzugeben;
ein leichter Schmerz in einem Mittelfuß bei jedem Tritte gebot es auf's
Dringendste. Herr R. verweilte noch einige Tage am Vierwaldstädter See,
um die ihm in jeder andern Beziehung so wohlthätige Bewegung im Rudern
auf dem See zu suchen; da jedoch der Schmerz im Fuß nicht nachlassen
wollte und ihm ärztlicher Beirath angezeigt erschien, nahm er auf's Neue bei
mir Quartier. Ich verordnete Anfangs nächtliche und nach wenigen Tagen
auch unter Tags nasse erregende Umschläge, im Uebrigen aber nicht allzuweit
gehende Schonung des Fußes, sondern in kurzen Ruhepausen recht häufigen
Gebrauch desselben, soweit der Schmerz leidlich erträglich bleibe. Von Ge
schwulst, Räthe, Entzündung, Steifheit des Fußes war keine «pur vorhanden.
Der Fuß blieb sich gleich und der Kranke, etwas nervös ungeduldig geworden,
fing an der Richtigkeit meiner Verordnungen und an der Naturheilweise über
haupt zu zweifeln an und consultirte nun einen speciell als Chirurgen renom-
mirten St. Galler Mediziner, Herrn Dr. Z ü b l i n. Dieser war wohl mit mir
über das Wesen des Leidens im Fuß einig, schlug jedoch außer meinen natur
ärztlichen Verordnungen noch Jodtinctureinreibung vor und statt der von mir em
pfohlenen mäßig unterhaltenen Bewegung absolute Ruhe, d. h. Gypsverband.
Es gelang mir, dem Kranken die Ausführung beider medizin-chirurgischen
Rathschläge auszureden. Eine Woche zog sich hin; der Fuß blieb der gleiche,
Dr. Züblin wurde nochmals berathen und wiederholte die früheren Rath
schläge. Es gelang mir auch jetzt wieder, die Ausführung derselben hintan
zuhalten. Als aber nach weiteren 8 Tagen der Schmerz derselbe blieb, ja
sich vermehrt zeigte und den Kranken längere Ruhepausen zu beobachten zwang,
nahmen die Zweifel desselben überhand und der berühmte Chirurg Professor
Dr. med. Rose an der Universität Zürich wurde herbeigerufen. Rose kam.
sah, und beschwor den Kranken zunächst zu einem Dutzend Blutegeln und
sodann zu absoluter Ruhe des Fußes in vierwöchentlichem Gypsverband: es
drohe eine desormirende, d. h. eine den Fuß durch den vorliegenden
inneren Entzündungsprozeß nach und nach mißgestaltende, für alle Zukunft
an normalem Gehen oder gar Bergklettern unbedingt behindernde Gelenk
entzündung. Das heilige St. Gallen-Züricher Chirurgen-Orakel hatte ge
sprochen nnd der Orakelspruch wurde trotz meiner Einsprache alsobald aus
geführt. Andern Tags erleichterten ein Dutzend Blutegel den Lahmen um ein
gut Theil Blut und erzeugten hintennach eine leichte rosenartige Hautent
zündung und einen weiteren Tag später führte Dr. Z ü b l i n von St. Gallen
den Gypsverband aus. So lag nun unser Patient von Nachmittag bis zum
andern Morgen. Denn bei meinem nächsten Besuch andern Tags fand ich
schon besser Wetter für mich vor. Abgesehen davon, daß der Schmerz auch
in dieser Lage beim geringsten Muskelzucken des Beines sich nach wie vor
gleich blieb, war dem Kranken die Schwere und die leichenähnliche Kälte des
Verbandes auf's Aeußerste peinlich; es bedurfte nur geringer Zurede von mir
und nach einer- halben Stunde war der „gründlich studirtc" Gypsverband
wieder entfernt. Aber die Zweifelsucht unsres Kranken stieg auf's Neue auf,
als nach 10, 12 Tagen der Fuß mit seinem Schmerz der gleiche blieb.
Rose wurde nochmals von Zürich gerufen, und dieser, vorgesehen damit,
legte sofort selbsteigenhändig wieder den unvermeidlichen Gypsverband an.
Diesmal hielt unser Patient etwas länger damit aus, einen ganzen Tag und
noch volle 17 Stunden, dann aber fiel der Gypsverband wieder unerbittlich