ENTSTEHUNGSZEIT DES FEUERWERKBUCHES
Über die Entstellungszeit des Feuerwerkbuches sind von den verschiedenen Forschern
sehr voneinander abweichende Angaben gemacht worden. Toll z. B. hält als solche die
Jahre von 1370 bis 1390 wenn auch nicht für gewiß, so doch für sehr wahrscheinlich, ver¬
legt sie dann jedoch vorsichtig in die Nähe des Jahres 1400, aber jedenfalls vor 1430; Jähns
gibt ebenso wie Ratligen etwa 1425, Würdinger 1417 an. Dabei kommt es entscheidend
darauf an, welche von den vorhandenen zahlreichen Handschriften als sein Urbild ange¬
sehen werden können, also welche vor seiner endgültigen Fertigstellung in ihm als Mate¬
rial verarbeitet worden sind und welche nach seinem, sicherlich geheim gehaltenen Er¬
scheinen nur als Abschriften — mit mehr oder weniger wesentlichen Abänderungen,
Streichungen und Zusätzen, entsprechend dem Fortschritt der Waffentechnik —bewertet
werden müssen. Auch diese Feststellung ist schwierig, da neben einigen datierten Hand¬
schriften solche vorhanden sind, deren Abfassungszeit mit einiger Sicherheit aus ihrem
Inhalt geschätzt werden kann, und solche, für die eine Schätzung nur in weiten Grenzen
angängig erscheint. Dabei muß vor allem beachtet werden, daß die Abbildungen, die vie¬
len Exemplaren beigegeben oder später angehängt sind, oft keinen Anhaltspunkt dafür
darstellen und zu Trugschlüssen Veranlassung geben können; denn sie werden häufig
ebenso wie die Zusätze im Text von dem jeweiligen Besitzer dieses wertvollen Lehrbuches
zu seinem eigenen Gebrauch an Hand seiner Erfahrungen und Beobachtungen im Laufe
der Benutzungsjahre hinzugefügt oder gar von einem Maler oder Zeichner, weniger nach
tatsächlich maßgebenden, technischen Vorbildern als nach phantasievollen, künstlerischen
Vorstellungen, vielleicht erst nach vielen Jahren zur Ausschmückung dieses Kleinods ent¬
worfen worden sein.
Das bekannteste Beispiel für eine solche irreführende Geschichtsdarstellung auf Grund
von Abbildungen sind die phantastischen Malereien, die nachträglich in die in Oxford
und in Holkhamhall in Norfolk liegenden Handschriften des englischen Hofklerikers
Walter de Milemete aus den Jahren 1326 und 1327 hineingemalt worden sind, unhaltbare
Darstellungen von „Vasengeschützen44 wiedergeben und bisweilen die unmögliche Vor¬
stellung erweckt haben, daß nicht die Deutschen, sondern die schon damals im Waffen¬
wesen rückständigen Engländer die Erfinder der Pulvergeschütze sind (Bild 21).
Wenn demnach hauptsächlich die Textangaben der Handschriften und nur ausnahmsweise
und vorsichtig deren Bilder für die Ermittlung der Entstehungszeit des Feuerwerkbuches
herangezogen werden dürfen, so ist zunächst für diesen Zweck eine Übersicht über die
wesentlichen, noch vorhandenen Handschriften erforderlich.
83