Volltext: Kriegserlebnisse ostpreußischer Pfarrer 2. Band (2. Band / 1915)

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Straße getrennt zu sein, auf der es uns jetzt etwas zu 
lebhaft zuging, denn Wagen fuhren heraus aus der Stadt, 
andere Kolonnen wollten hinein. Ein Soldat gesellte sich 
zu uns und fragte mich polnisch: „Wo ist der Kampf." 
Da ich ihm hierüber keine befriedigende Antwort gab, so 
fragte er nun: „Kann der Zerr deutsch," was ich erfreut 
bejahte. Und nun erzählte er, er gehöre zu einer Bäcker 
kolonne, die in Neidenburg Brot backen solle, aber da 
er nun so viele Wagen zurückfahren sehe, wäre es wohl 
das Beste, sie kehrten auch alle um. Ich erklärte mich mit 
all seinen Entscheidungen einverstanden, und so verließ 
mich mein Freund und bald kehrte ein Wagen nach dem 
anderen um. Nun wurde es stiller, wir wanderten auch 
weiter. Ab und zu holte uns ein größerer oder kleinerer 
Trupp Soldaten ein, die dann fragten, ob's noch weit 
bis zur Grenze wäre oder uns auch erklärten, sie fliehen 
nicht, sondern wollen die Deutschen bloß von einer an 
deren Seite fassen; doch da mancher die Stiefel ausge 
zogen hatte und sehr lange Beine machte, so war die Er 
klärung unwahrscheinlich; einer kam auch um eine Zigarette 
zu erbitten und war zufrieden mit einem brennenden 
Streichholz, an dem er sich seine eigene Zigarette anzün 
den konnte. Hungrig war ein anderer und wollte schon 
vier Tage nichts gegessen haben und zog erfreut mit 
einem Stück Brot von uns fort. Wir haben kein böses 
Wort gehört, es hat auch niemand nach meinem Ausweis 
gefragt, den ich immer bereit hielt. Drei russische Flug 
zeuge bei ihrer Abfahrt zu sehen, war eine interessante 
Beobachtung auf diesem Wege, bis wir dann endlich nach 
mittags 2 Uhr nach stundenlangem Wandern in dem 
5 Kilometer von Neidenburg entfernten Kirchdorf Can- 
dien ankamen. Der Glöckner hat ja Fuhrwerk, der wird 
uns weiter bringen; aber in dieser Hoffnung wurden wir 
getäuscht. Sein Pferdchen hatten ihm die Russen fort 
genommen und der Ärmste war so verängstigt, weil er 
recht böse Erfahrungen gemacht hatte, daß er sich gar 
nicht aus der Stube heraus wagte, zumal das Dorf von 
Kosaken besetzt war. Die Bündelchen waren gepackt, und 
alle stets bereit zum Fliehen. Nachdem sie uns mit 
dem, was sie besaßen, erquickt hatten, marschierten wir
	        
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