Volltext: Heimat und Volkstum

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wundert sein, hier können auch die Schüler bei der Sammelarbeil mittätig sern. Man lese 
den Beitrag von Richard Bürckner „Schülerbeiträge zur sächsischen Volkskunde" lim 
Säemann, 1913)! Lolche Mitarbeit wird größten Wert für den schaffend arbeitenden Unter¬ 
richt wie für die künstlerische Erziehung haben. Wie sich dabei der Schönheitssinn bildet, 
hat man in dieser Richtung anderseits Gelegenheit, viel für Heimatschutz zu tun: hier 
kann man der Jugend die den breiten Volksschichten fehlende Wertschätzung der Volks¬ 
kunst und ihrer Erzeugnisse, z. 6. an altem Hausrat, an der Tracht, an der Friedhofs- 
Kunst, gegenüber so viel minderwertigen oder ganz wertlosen, verlogen kitschigen neueren 
Erzeugnissen beibringen und so einer späteren Förderung des heimischen Kunstgewerbes 
und echter Heimatkunst und überhaupt dem Wege zu .einer neuen deutschen Kunst die Bahn 
ebnen. Was läßt sich hier nicht für den Zeichenunterricht, für die Knaben- und die 
weiblichen Handarbeiten gewinnen? Bei uns Deutschen steht in dieser Hinsicht der Schul- 
betrieb im traurigen Gegensatze zu dem ganz aus Eigenem schöpfenden slawischen Schul¬ 
wesen. Solange wir Deutschen uns nicht dazu aufraffen können, auf Grund der Urzüge 
der eigenen, hier besonders deutlich ausgeprägten volksart Ln volkskundlicher und volks¬ 
künstlerischer Richtung unsere selbständigen Wege zu gehen, haben alle die schönen Reden 
über Kunsterziehung, Volkskunst usw. keinen Wert. Sie sind und bleiben hohle, müßige 
Schellentöne, eitel müßig Schwatzwerk. viel arbeit steht uns bevor, bis wir uns die 
alte, halb verlorene, nur mehr in Rückständen und Rumpelkammern und Sammlungen 
lebende Volkskunst wieder erobert haben und durch die Schule (auch die gewerbliche Fort¬ 
bildungsschule) wieder ins Leben gebracht haben werden. Dann erst wird sie uns wieder 
sein „der Teil der allgemeinen, großen, unser Dasein vor allem verklärenden Kunst, der 
unserer Schule und unserem Volke am nächsten liegt". Erst von diesem Volksgrunde aus 
können wir ihre Schönheit, ihren tiefen Sinn empfänglichen Gemütern näher bringen. Vor¬ 
erst aber heißt es, unseren Rrbeits- und Zeichenlehrern den Kopf umzudrehen, damit sie 
ihren Blick nicht auf fremde „Motive", deren alle ihre Zeichenbücher voll sind, sondern 
zur arbeit und überlieferten Kunst des eigenen Volkes richten, von dessen Vor¬ 
handensein und Tätigkeit diese verbildeten Leute so wenig zu> wissen scheinen, wie die 
hochnäsigen Bureaukraten und Diplomaten der abgehausten Selbstherrschaften. Die pflege 
der Volkskunst im Unterrichte hat aber auch ihre sehr bedeutsame wirtschaftliche 
Seite; ich möchte da nur auf die überaus rege volkskünstlerische Haus¬ 
industrie, die bei den Tschechen sorgfältige Pflege und allseitige Förderung findet, ver¬ 
weisen. Vieser Hausindustrie dienen dort zahlreiche Bücher und Zeitschriften, wie Vor¬ 
lagenwerke für Volks- und Fortbildungsschulen, wissenschaftliche Behandlungen der Ele¬ 
mente der Volkskunst, Lieferungswerke wie „Sveräz" (Eigenart) u. ä. Vas sind vinge. 
von denen man in unserm Schul- und Wirtschaftsleben keine Bhnung hat, die jedoch mit 
dem hoch entwickelten Volksbewußtsein und der damit in enger Wechselbeziehung stehen¬ 
den, eine neue Kultur schaffenden pflege der völkischen Eigenart und der Volkskunde 
zusammenhängen. Vieser Hausindustrie dienen bei den Tschechen vor allem aber die Schulen 
(auch die niederen und höheren Fortbildungsschulen und die ländlichen yauswerkkurse), 
welche die volkseigenen Zierformen fast ausschließlich pflegen. 
Die Fachlehrerin Therese Bergel in Mährisch-Ostrau berichtet in ihrem Beitrage: 
„Stickerei-motive aus dem Kuhländchen und ihre Verwertung im Zeichenuntericht" über 
das Zeichnen einer vom slawischen Ornament beeinflußten Schülerin folgendes:J) 
„In der dritten Sürgerschulklasse einer gemischtsprachigen bevölkerten Stadt wird- 
in der Zeichenstunde die aufgäbe gestellt, herbstzweige, die vorher nach der Natur dar¬ 
gestellt worden sind, im Ornament zu verwerten. Es entstehen verschiedenartige Entwürfe. 
Eine Schülerin, die früher die tschechische Bürgerschule absolviert hatte, bringt einen Ent¬ 
wurf, der die angegebene aufgäbe auf ganz nationale Weise löst: Bus einem 
Holunderstrauch entsteht ein Muster, das alle Merkmale der slawischen Ornamente aus¬ 
weist. Ein andermal soll der Mistelzweig zum Schmuck eines Zigarettenkästchens verwendet 
werden; es zeigt sick wieder, daß der Schülerin die nationale Ornamentik so in Fleisch und 
*) Schaffende arbeit und Kunst in der Schule. Schulwissenschaftlicher Verlag B. haase, 
Prag-Wien-Leipzig, 1917, S. 547.
	        
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