Volltext: Die Juden und Judengemeinden Böhmens in Vergangenheit und Gegenwart I. (1 (1934) ;)

als 12 jähriger vater- und mutterlose Waise und ver¬ 
brachte eine trübe, freudlose Jugend, mußte sich 
ganz allein — aus Mangel jeder Waisenfürsorge — 
durch das Leben bringen. Es gelang ihm erst mit 25 
Jahren, die Lehrerbildungsanstalt zu absolvieren, wo 
dann die Lex Lienbacher seiner Lehrerkarriere ein 
Ende setzte. Er wirkte in mehreren Kultusgemeinden 
und ist seit dem 1. Jänner 1903 als Oberkantor und 
Lehrer in T. tätig, von wo er aus religiösen Motiven, 
Berufungen nach größeren namhaften Gemeinden 
ablehnte. 
NEU ZEDLISCH (c. NOVÉ SEDLISTË), 
ein kleines Dorf mit 135 Häusern und 650 Einwoh¬ 
nern, an der Straße nach Labant—Pfraumberg, 7 fem 
von Tachau entfernt, war noch vor nicht langer Zeit 
der Sitz einer der bedeutendsten K. G. des flachen 
Landes im polit. Bezirke Tachau. Man sieht es dem 
Neste gar nicht an und kann es kaum für möglich hal¬ 
ten, daß in diesem Dorfe über 40 Familien mit fast 
300 Seelen gelebt haben. Nichts erinnert mehr an die 
einst so bedeutende J. G. als einige Häuser, die durch 
ihre städtische Bauart drastisch von den sie umgeben¬ 
den Keuschen abstechen. 
19 Judenhäuser, zwei- und vierteilig, hatten daselbst 
die Juden besessen, nebstdem wohnten noch in den 
Häusern CNr. 9, 10, 30, 57 und 73 jüdische Familien. 
Daraus ersehen wir die Größe und die Bedeutung der 
K. G. Sie war reich an Mitgliedern und muß auch 
ziemlich viele vermögende Mitglieder gehabt haben. 
Sie führten ein ordentliches Gemeindewesen, mußten 
tüchtige Geschäftsleute gewesen sein, die die Einsicht 
hatten, zufolge ihrer geschäftlichen Inanspruchnahme 
nicht selbst die Gemeindegeschäfte führen zu können 
und ließen diese darum von ihren Kultusbeamten be¬ 
sorgen, durchaus nicht zum Schaden der Finanzen und 
der Ordnung der K. G., der höhere Geistesflug schien 
ihnen doch zu mangeln, sie schienen nie darnach zu 
geizen, daß ihre Gemeinde als Stätte gelte, wo das 
Torastudium gepflegt wird. 
Wann sich die Juden in N. Z. angesiedelt und wann 
sie sich zu einer Gemeinde zusammen schlössen, läßt 
sich nicht feststellen. Einzelne Judenfamilien werden 
schon zu Beginn 1600 in N. Z. gewohnt haben. Ein gut 
erhaltener Judenschutzbrief vom J. 1690 berichtet, 
daß der Reichsritter Johann Wolfgang von Schierding, 
Herr vom neuen Zedlisch dem Juden Itzig für sich 
und seine Kinder ein Grundstück zum Aufbau eines 
Hauses verkaufte. An Schutzgeld habe er jährlich zu 
Georgi und Galli je 5 Schock Groschen der Herrischaft 
zu entrichten. (Altes Grundbuch N. Z.) 
Ein Buch in Kalbsleder gebunden aus dem J. 1751- 
5512 stammend deklariert sich als Pinkas-Protokoll 
und enthält gleichzeitig die Tekkanot-Gemeindestatu- 
ten aus dieser Zeit. Diese Statuten sind von einem an¬ 
deren Buche abgeschrieben und berufen sich auf Be¬ 
schlüsse aus dem J. 5508—1748, woraus wir entneh¬ 
men, daß das vorliegende Buch, die Fortsetzung an¬ 
derer Bücher ist, die früher in Verwendung stan¬ 
den34). 
Es befindet sich noch ferner darin ein Verzeichnis 
der Gemeindemitglieder mit der Anschrift: „Dies sind 
die Namen der Kinder Israels, die kamen, mit ihrer 
eigenen Handschrift und ihren Namen, ihre Zugehö¬ 
rigkeit zur Gemeinde zu bestättigen" Es sind 54 Na¬ 
men in der Benennung jener Zeit, wie Josef ben Zwi 
usw., nur ein Name sticht auffallend von den anderen 
hervor, es ist dies: ,fSamuel Eisig Bloch Mitachau i3C). 
Der Tempel hatte nach einem anderen Verzeichnisse 
in diesem Buche 40 Männer — und 40 Frauensitze. 
Dieses Verzeichnis war eine Art Grundbuch der 
Max K o h n e r 1913 bis 1914, Dr. Wilhelm L u r j e 
1914 bis 1922, Sigmund Pollak 1922 bis 1929, 
Ernst Adler 1929 bis 1930. 
Der gegenwärtige Vorstand besteht aus den Herrn: 
Max K o h n e r K. V., Dr. Willy Strass Schriftfüh¬ 
rer, Sigmund Salz Kassier, Josef Österreicher, 
Jonas Reich 
Alfred Steiner, Paul K o h n e r und Max Reich. 
Vorsteher der Ch. K. waren folgende Herren: Jonas 
Reich 1890 bis 1900, Moritz F ischi 1900 bis 1912. 
Seit dem J. 1912 ist Isidor W o 1 f n e r Vorsteher der 
Ch. K. 
Präsidentinnen des F. V. waren die Damen: Adel¬ 
heid Schornstein, Marie Adler und derzeit 
Frau Sophie Glauber. 
Dr. Joachim A s t e 1 bekleidete die Rabbinerstelle 
vom 1. Oktober 1931 bis zu seiner Berufung nach 
Kremsier am 1. Juli 1933. 
Josef Schön, der Verfasser dieses Aufsatzes und 
des Buches „Geschichte der Juden in Tachau44, war 
Moritz Fischi 
Isidor 
Max Kohner 
Sophie Glauber 
Marie Adler 
Tachau 8 
638
	        
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