Volltext: Diplomatische Geheimakten aus russischen, montenegrinischen und sonstigen Archiven (Band II 1929)

Nr. 459. 
Freiherr von Aehrenthal an die K. u. K. Missionen in 
St. Petersburg, Berlin, London, Paris, Rom, Konstan¬ 
tinopel, Bukarest, Sofia, Belgrad, Cetinje und Athen.1) 
Telegramm: Wien, den 3. März 1909 (18. Febr. a. St.). 
Nach verschiedenen Symptomen und Meldungen zu schließen, schei¬ 
nen einige Kabinette die Auffassung zu hegen, daß wir, sobald einmal 
Serbien seine Forderungen politischer Kompensationen fallen gelassen 
haben würde, bezüglich der wirtschaftlichen Vorteile, die wir uns be¬ 
reit fänden, dem Königreiche einzuräumen, in einen Gedankenaustausch 
mit den Mächten eintreten sollten. Wir hätten seinerzeit unser Einver¬ 
ständnis damit erklärt, daß in das Programm der beabsichtigten Balkan¬ 
konferenz die avantages économiques à accorder à la Serbie et au 
Monténégro aufgenommen würden, und müßten also konsequenterweise 
auch über diesen Punkt mit den Mächten verhandeln. 
Gegenüber dieser Auffassung ist darauf hinzuweisen, daß sämtliche 
Mächte mit Einschluß Rußlands, den von uns gewählten Modus proce- 
dendi gutgeheißen und dem zugestimmt haben, daß zunächst über die 
schwebenden Fragen Verhandlungen zwischen den direkt interessierten 
Mächten gepflogen würden. Wir sind in dieser Weise unter dem ein¬ 
mütigen Beifalle Europas* 2) bezüglich Bosniens und der Herzegowina 
vorgegangen und haben heute die Kabinette von dem Abschlüsse unserer 
direkten Verhandlungen mit der Türkei offiziell in Kenntnis gesetzt. 
Serbien gegenüber wollen wir, wenn es auf seine politischen Kom¬ 
pensationsforderungen verzichtet und uns direkt davon in Kenntnis ge¬ 
setzt hat, eine korrekte freundnachbarliche Haltung bei gleichzeitiger 
Einstellung seiner Rüstungen beobachten zu wollen, dieselbe Politik 
befolgen. Wir sind demnach auch bereit, über die Regelung der wirt¬ 
schaftlichen Beziehungen zwischen uns und Serbien in direkte Ver¬ 
handlungen mit dem Königreiche einzutreten. 
Ich bemerke, daß uns ein anderer Weg schon deshalb nicht gangbar 
erscheint, weil die Entschließungen, zu denen wir und Serbien in den 
das Königreich interessierenden wirtschaftlichen Fragen des Handels¬ 
vertrages oder des Bahnanschlusses gelangen werden, Ausflüsse der 
Souveränität sind, die nicht von einer Einwirkung dritter Staaten ab¬ 
hängig gemacht werden können. 
x) Österreichisches Rotbuch 1909, Nr. 121, S. 88. 
2) Etwas euphemistisch ausgedrückt angesichts der damaligen politischen Lage 
Österreichs, das sich nicht einmal der aufrichtigen Zustimmung Deutschlands erfreuen 
konnte. D. V. 
69
	        
Waiting...

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzerin, sehr geehrter Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.