Die Weltdiaspora
Einrichtungen unserer Ahnen zuwider, um so mehr jetzt, da diese Nation mit be
waffneter Hand ihr wahres Verhalten zu unserer Herrschaft offenbart hat. Wie
teuer dieses Volk den unsterblichen Göttern ist, ist schon daraus zu ersehen, daß
es nun besiegt, tributpflichtig gemacht und zu Boden geschlagen ist.“
Aus diesen Worten eines Vertreters der höchsten römischen Ge
sellschaft läßt sich die Verachtung der siegreichen Nation für die
Nation der Besiegten erkennen. Aus der physischen Übermacht wird
auch die religiös-sittliche Überlegenheit, ein providentieller Schick
salsspruch gegen die Besiegten gefolgert. Die von den Römern un
terworfenen Syrer und Juden werden von Gioero auch in einer an
deren Rede („Über die consularischen Provinzen“) zu den „für die
Sklaverei geborenen Völkern“ gezählt. Derartige sozial-ethische An
sichten hatten in der Tat mit dem das Recht des Stärkeren verwer
fenden Judaismus nichts gemein. Nur eine völlige Unkenntnis des
Judaismus konnte Menschen vom Schlage des Cicero, Anhängern des
Augurenaberglaubens und der Wahrsagerei der Haruspices, x4nlaß
geben, ihn als eine „barbara superstitio“ zu bezeichnen. In den Ro-
den des Cicero kam der Haß des orthodoxen Heidentums gegen die
ihm fremde Weltanschauung des Judentums zum Ausdruck, jener
Haß, der im hellenistischen Alexandrien seinen Ursprung genommen
hatte und später sich auch in der römischen Gesellschaft einbür
gerte 1 ).
Diese bornierte Unduldsamkeit Ciceros blieb jedoch seinem Zeit
genossen Julius Caesar durchaus fremcL Caesar nahm die Rechte und
Freiheiten der jüdischen Gemeinde in Rom ebenso eifrig in Schutz,
wie er es in Kleinasien getan hatte. Wir haben oben bereits gesehen,
daß die römischen Behörden in Asien die Autonomie der dortigen Ju
den mit Berufung darauf in Schutz zu nehmen vermochten, daß in der
Reichshauptstadt selbst Caesar von dem allgemeinen, alle religiösen
Versammlungen, außer den „dem Herkommen und dem Rechte ent
sprechenden“, verbietenden Gesetze zugunsten der Juden eine Aus
nahme gemacht hatte. Dieses zur Bekämpfung der in Rom eingedrun-
f) Cicero stand sicherlich unter dem Einfluß seines Lehrers, des griechischen
Bhetors Apollonius Molon aus Rhodus, der der Verfasser eines uns nicht erhalten
gebliebenen, dem Judentum äußerst feindlichen Werkes war, das später die Ent
gegnungen des Josephus in seiner Abhandlung „Gegen Apion“ veranlaßte. Apol
lonius Molon warf den Juden Gottlosigkeit, Menschenhaß und Unduldsamkeit vor
und stellte Moses als einen Schwindler und Betrüger hin, der seinem Volke „der
Tugend widersprechende“ Gesetze gegeben hätte.