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Der Krieg im Osten.
Mitte April. Inzwischen hatte aber die russische provisorische Regierung durch die
im Kriegszielmanifest vom 10. April') verkündete Absicht eines Friedens
ohne Annexionen und auf Gmnd des Selbstbestimmungsrechtes der Völker
eine gefährliche Gegenpropaganda eingeleitet. Gleichzeitig hatte die russische
Heeresleitung — wie man erfuhr — strengste Verbote gegen jede Ver¬
brüderung an der Front erlassen. Trotzdem kam es an den verschiedensten
Stellen zu Unterhandlungsversuchen, an denen sich auch russische Offiziere
beteiligten. Der Gegensatz zwischen Vorgesetzten und Untergebenen sowie
zwischen den Truppen in den vorderen Gräben und der rückwärts stehenden
Artillerie, die immer wieder die Unterhandlungen durch Feuer zu stören
suchte, trat deutlich in die Erscheinung. Bei den Oster-Zusammenkünften,
bei denen man nach russischer Sitte auch Geschenke austauschte, wurde ein
deutsches Flugblatt verteilt, das die Bereitwilligkeit betonte, mit dem freien
Rußland in unmittelbare Verhandlungen einzutreten. Auch sollte, um die
bei den russischen Truppen bereits einsetzende Frontflucht zu verstärken, bei
Zusammenkünften auf die in Rußland bevorstehende Landverteilung hin-
gewiesen werden, zu der die Frontkämpfer'leicht zu spät kommen könnten.
Bei der ö.-u. 3. Armee gelang es deutschen Rachrichten-Offizieren, sich über
den Dniester zum Feinde zu begeben und dort die erste „mündlicheVer-
ständigung über gegenseitige Waffenruhe" zu erreichen.
Aber auch in den meisten anderen Abschnitten der Kampffront von der Donau
bis zur Ostsee ruhte infolge der Annäherungsversuche der russischen Infan¬
terie und der sich dabei ergebenden Verhandlungen mit russischen Soldaten-
Deputierten die infanteristische Gefechtstätigkeit fast ganz. Von höheren
russischen Führern beteiligte sich aber nur der Oberbefehlshaber der russischen
4. Armee, General Ragosa, an diesen Annäherungen; ob freiwillig, steht
dahin. Er ließ am 16. April den Oberbefehlshaber der deutschen 9. Armee,
General von Falkenhayn, bitten, einen Parlamentär zu ihm zu ent-
senden. Dieser stellte jedoch anheim, statt dessen am 17. April einen russischen
Parlamentär nach Focsani zu schicken; der aber traf nicht ein.
Nach der Ofter-Waffenruhe.
Der Oberbefehlshaber Ost hatte aus dem Verlauf der Oster-
tage den Eindruck gewonnen, daß die Waffenruhe an vielen Stellen der
Front Formen angenommen habe, die auf die Dauer keinesfalls geduldet
werden konnten.
Am 17. April wurde Oberst Hoffmann zum Vortrag nach Kreuznach
befohlen. Er legte seine „Auffassung über die russische Armee und deren
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