Er hatte schwere Arbeit, unser braver Sanitätskadett. Ein Bein war abgeschossen und das zweite hing an einem Fetzen. Aber nicht ein Laut der Klage, nicht das geringste Jammern entschlüpfte dem Schwerverwundeten. Er mußte doch, obwohl dem Tode nahe, den Kameraden ein gutes Beispiel von Helden sinn und Standhaftigkeit geben. Und als ob er noch seine gesunden Füße hätte, aß er still und ruhig sein Mittagsmahl. Er liegt nicht weit von hier in guter Hut der Brigade-Sanitätsanstalt. Eine ausgeglichene Seelen ­ ruhe erfüllt den standhaften Helden: Das Gefühl für sein Vaterland bis zum äußersten seine Pflicht getan zu haben. Und wenn die Ghmnasialerinnerung des Mutius Scävola mir schwinden sollte — den braven Max Nestler von der Landwehr 2 — den merke ich mir fürs Leben." Im eigenen Abschnitte konnte jetzt eine Reserve im Tale gebildet werden. Für den beurlaubten Oberst von Wasserthal führte vom 17. September an Oberstleutnant Eduard Alpi des Landwehrinfanterie ­ regiments Nr. 4 das Regimentskommando bis Oberstleutnant Franz Karl Unger, der nach seiner Genesung seit Juli 1915 das Ersatzbataillon des Regiments befehligt hatte, am 22. September wieder zum Front ­ dienst eingerückt, das Regimentskommando übernahm und fortan führte, mit Ausnahme der Tage vom 14. bis 27. Oktober 1915, während welchen Oberst von Wasserthal nach der Rückkehr vom Urlaube bis zu der dann erfolgten Betrauung mit einem Brigadekommando das Regimentskommando das letztemal inne hatte. Während dieser Tage war Unger mit Grohmann, den ec vom Ersatzbataillon mitgenommen hatte, im linken Flügelabschnitt, wo bisher Hauptmann Robert Aspöck gewesen war, mit dem Bataillonsadjutanten Leutnant Alexander Köhler das bescheidene Quartier teilend. Eine nächtliche Episode gab hier Grohmann zu folgender Schilderung Anlaß: „Feuerüberfall. Weiße Steine steigen schimmernd im Mondlicht aus dem Dunkel empor, erst einzelne Blöcke, dann ein weites Feld, übersät von riesigen, wirr durcheinander gewürfelten Felsblöcken. Aus dem Trümmerfeld steigt ein verwitterter Fels steil auf, türmt sich terrassenförmig gegen die senkrechte Felswand der Vrata und wirft sich schließlich dieser Wand entgegen in einem Felsenwirrsal, das aussieht wie eine heranbran ­ dende Woge, die im Augenblicke des Anpralles zu Stein erstarrte. Das ist das Ziel meiner nächtlichen Wanderung, der Adlerhorst. Der Name ist gut gewählt. Sonst mögen hier wohl Adler horsten, die mit scharfen Blicken ins Tal nach Beute spähen; heute horsten die helläugigen Adler Österreichs hier, die Wächter an der Grenze, die so scharf wie Aare hinunterspähen ins Tal und hinauf zu den Hängen und Rücken, wo der Gegner haust. Geheimnisvoll webt das Mondlicht weiß schimmernde Schleier, in denen als goldene Punkte Tausende von Sternen stehen, Silberströme fließen die Berge hinab, aber mit dunklen, zackigen Kämmen, die Schattenseiten uns zugewendet, greifen die Gipfel, die von den Italienern besetzt sind, in den lichten Himmel hinein. Vom Potoöesattel links bis zum heißumkämpften Rücken des Vrsiö rechts eine einzige, geschlossene, feindliche Linie. Tief unter ihnen wir, in Stellungen, die zu halten ein Wunder ist. Dort unten kriecht durch das Steingewirr und über das aufleuchtende Schneefeld hin eine schwarze Linie — unser Drahtverhau — dahinter, nur dem Wissenden erkennbar, die Deckungen. Dann klettert die Verteidigungslinie den Felsen empor, auf dem ich stehe, senkt sich hinab zum Latschenfeld, das dunkel in der weißen Tiefe liegt, kriecht die nächste Höhe hinan, sperrt jenseits das Tal, säumt die anschließenden Höhen und springt jäh empor zum prächtigen, vielzackigen Felsgipfel Kote 1776, der ebenbürtig dem Vrsiö gegenübersteht. Wie zwei trotzige Ringer stehen sie da, Fuß und Schulter gegeneinander gestemmt, das Haupt aber hoch erhoben und im grimmigen Hasse zueinander gekehrt. Aber über Freund und Feind gehen die Blicke weit zurück ins Bergland. Fast unirdisch stehen die Berge da, Himmel und Fels von gleicher lichter Farbe; nur die Schneefelder leuchten auf wie flüssiges Silber. Da liegt der Grintouz vor mir und der silberschimmernde Sreberniak, die trotzige Felsenburg des Rombon und das weiße, vieltürmige Märchenschloß des Prisang. Das ist das freie, das