Ein am 21. Mai unternommener Angriff der eigenen Linie gegen die russische Stellung ohne Erfolg, veranlaßte die Russen am 24. Mai zu einem Gegenangriff, der beim rechten Nachbar durchdrang und die rechte Flanke der Zweier gefährdete, jedoch keine Beunruhigung verursachte. Da legte sich aber ein schwerer Alp auf aller Brust, hervorgerufen durch ein unerwartetes Ereignis, das das erwünschte Kriegsende, dem viele schon nahe zu sein hofften, in die Ferne schob. Was seit Kriegsbeginn die Mittelmächte zu verhindern bemüht waren — die Schwenkung des bisher neutral gebliebenen italienischen Bundesgenossen in das feindliche Lager der Entente — war, wie Italien verkündete, als Gebot des heiligen Egoismus, doch Tatsache geworden. Es war der 23. Mai, an dem am Ballhansplatz in Wien der Herzog von Avarna die italienische Kriegserklärung überreichte. Ein neuer Kriegsschauplatz, der viele Kräfte der Mittelmächte abzog, war entstanden und die gegne ­ rische Seite mochte wohl damit gerechnet haben, wenigstens Österreich-Ungarn auf diese Art sofort nieder ­ zuzwingen. Das war aber derselbe Irrtum, wie der mit der russischen Dampfwalze. Schon aus der anklagenden Antwort, die Kaiser Franz Joseph I. mit seinem Manifeste auf die italienische Kriegserklärung an seine Völker erließ, konnte erkannt werden, daß das bevorstehende Ringen mit dem neuen Gegner alle verfügbaren Kräfte sammelte, um sich bis zum äußersten zu wehren. Das Manifest des Kaisers. Eine Extra-Ausgabe der „Wiener Zeitung" vom Pfingstsonntag meldet: ,,Seine k. u. k. Apostolische Majestät haben das nachstehende Allerhöchste Handschreiben und Manifest allergnädigst zu erlassen geruht: Lieber Graf Stürgkh! Ich beauftrage Sie, das au geschlossene Manifest an Meine Völker zur all ­ gemeinen Verlautbarung zu bringen. Wien, am 23. Mai 1915. Franz Joseph in. p. Stürgkh m. p." An Meine Völker! Der König von Italien hat Mir den Krieg erklärt. Ein Treubruch, dessengleicheu die Geschichte nicht kennt, ist von dem Königreiche Italien an seinen beiden Verbündeten begangen worden. Nach einem Bündnis von mehr als dreißigjähriger Dauer, während dessen es seinen Territorialbesitz mehren und sich zu ungeahnter Blüte entfalten konnte, hat Uns Italien in der Stunde der Gefahr verlassen und ist mit fliegenden Fahnen in das Lager Unsrer Feinde übergegangen. Wir haben Italien nicht bedroht, sein Ansehen nicht geschmälert, seine Ehre und seine Interessen nicht angetastet; Wir haben Unsern Bündnispflichten stets getreu entsprochen und ihm Unsern Schirm gewährt, als es ins Feld zog. Wir haben mehr getan: Als Italien seine begehrlichen Blicke über Unsre Grenzen sandte, waren Wir, um das Bundesverhältnis und den Frieden zu erhalten, zu großen und schmerzlichen Opfern ent ­ schlossen, zu Opfer», die Unserm väterlichen Herzen besonders nahe gingen. Aber Italiens Begehrlichkeit, das den Moment nützen zu sollen glaubte, war nicht zu stillen. Und so muß sich das Schicksal vollziehen. Dem mächtigen Feinde im Norden haben in zehumonatlichem gigantischen Ringen und in treuester Waffenbrüderschaft mit den Heeren Meines erlauchten Verbündeten Meine Armeen siegreich standgehalten. Der neue heimtückische Feind im Süden ist ihnen kein neuer Gegner.