280 Illustrierte Geschichte des Weltkrieges 1914/18. stände, die von dem Massenmietshaus unzertrennlich sind, in den letzten Jahrzehnten vor dem Kriege an Umfang gewonnen, während andere, vermeidliche Unzuträglichkeiten an Bedeutung verloren haben. Ob schließlich die Lichtseiten die Schattenseiten überwogen, ist schwer zu entscheiden. Ich für meinen Teil glaube es, das heißt, ich meine: wenn man die Behausung als solche ins Auge faßt und die Ver ­ ringerung der Freiflächen und dergleichen außer Betracht läßt, wird man finden, daß sich die großstädtischen Woh ­ nungsverhältnisse vor dem Kriege im ganzen etwas ge ­ bessert haben. Im Laufe des Krieges haben sich die großstädtischen Wohnungsverhältnisse immer mehr verschlechtert. Die Gründe dafür sind mannigfaltig. Einmal sind die Woh ­ nungen stark gealtert. Im Frieden verschwanden alte, schlechte Wohnungen durch Abbruch, und die Wohnungen in den Neubauten standen meist über dem Durchschnitt; im Kriege sind Abbrüche und Neubauten immer seltener stäben unbewohnbaren Wohnungen wieder geräumt sein wer ­ den. Wenn man trotzdem bisher der Verschlechterung der Qualität der Wohnungen nicht die gebührende Aufmerk ­ samkeit geschenkt hat, wenn man sogar Mißstände, wie die Belegung früher für unbewohnbar erklärter Dach- und Kellerwohnungen, die man während des Krieges geduldet hat, nun amtlich begünstigen will, fo liegt dies daran, daß man — mit Recht — von größerer Sorge um die Menge der Wohnungen erfüllt ist. Die Befriedigung des Woh ­ nungsbedarfs der Menge nach ist in der Tat die wichtigste Aufgabe der Übergangswirtschaft. Infolge des Versagens der privaten Bautätigkeit war die Zahl der leerstehenden Wohnungen in den letzten Friedensjahren immer geringer geworden. Mit Kriegs ­ ausbruch aber wurden zahlreiche Wohnungen frei. Jung ­ gesellen und Witwer mit eigener Wohnung, die zum Heere eingezogen wurden, gaben ihre Wohnung auf. Das gleiche taten viele Kriegerfrauen; sie zogen zu ihren Eltern, oder Deutsche V^rfeldbesaßung wehrt einen Tankangriff ab. Nach einer Originalzeichnung des Kriegsteilnehmers Albert Reich, München. geworden. Die alten, schlechten Wohnungen wurden noch älter und noch schlechter, und auch die bei Kriegsausbruch neuen und guten Wohnungen sind infolge mangelhafter Instandhaltung früh gealtert und schadhaft geworden. Im Frieden schieden schlechte Wohnungen aber nicht nur durch Abbruch aus, sondern auch durch Schließung durch die Ee- sundheitspolizei und die Wohnungsaufsicht. Im Kriege haben diese Behörden mehr als ein Auge zugedrückt. Ja, wo der Zuzug stark war — und das gilt für sehr viele Städte — wurden sogar früher verbotene Keller- und Dachwohnungen zugelassen; gegen Übervölkerung aber wurde nicht mehr eingeschritten. Die Verschlechterung der Wohnungsverhältnisse bedeutet eine umso größere Gefahr für die Volksgesundheit, als diese ohnehin durch Verwundungen und Krankheiten im Felde und durch Entbehrungen in der Heimat empfindlich geschwächt ist. Auch handelt es sich dabei keineswegs um Mißstände, die mit Kriegsende behoben sein werden. Denn zweifel ­ los werden noch viele Jahre nach Friedenschluß ver ­ gehen, bis alle nach Vorkriegsmaßstäben abbruchreifen Wohnungen verschwunden und alle nach Vorkriegsmaß- sie mieteten von anderen Mietern einen Teil der Wohnung leer oder möbliert ab, oder sie gingen aufs Land und ähn ­ liches. Brautpaare, die noch im Frieden eine Wohnung zum Herbst gemietet hatten, verzichteten auf die Gründung eines eigenen Haushalts. Allmählich aber änderte sich das Bild, und je länger der Krieg währte, desto mehr über ­ wogen trotz der fortgesetzten Einberufungen die Gründungen von Haushaltungen die Auflösungen. Kriegsbeschädigte und andere dienstuntaugliche Männer schufen sich einen eigenen Hausstand; kriegsgetraute Frauen, deren Mann noch im Felde war, bezogen vor oder nach der Geburt eines Kindes eine eigene Wohnung. Da überdies die Bautätigkeit immer mehr abnahm, so ging die Zahl der leerstehenden Wohnungen wieder zurück. In 52 Gemeinden, für die vergleichbare Angaben vorliegen, betrug die Zahl der leer ­ stehenden Kleinwohnungen bei der letzten Aufnahme vor dem Kriege (nach dem 1. April 1913) 46 791, bei der letzten Aufnahme vor dem 1. April 1916: 71 988 und bei der letzten Aufnahme vor dem 1. April 1918: 50 124. Im Mai 1918 hat von Reichs wegen in sämtlichen deutschen Gemeinden mit mehr als 5000 Einwohnern eine allgemeine Wohnungs-