gedient hatten und die Kirche sich wieder leerte, schlief Pater Chrysigon noch fest auf demselben Platze. Erst als die Sonne vom Mittagshimmel beißend durch die ärmlichen Zellenfenster blinzelte, rührte sich der ver ­ meintliche Pater. Einige gewaltige Schluss ­ schnarcher noch, dann fuhr die grobe Hand an das Kopfende des Strohsackes. Da be ­ gegneten den fetten Fingern aber nur Bretter vom Boden der Zelle. Jetzt schien die räthsel- hafte Gestalt wirklich zu erwachen. Nachdem die Hände und Füße sich einigemale hin- und herbewegt und offenbar eine ganz un ­ gewohnte Situation wahrgenommen hatten, begannen auch die Augen als das dritte Paar im Bunde sich der merkwürdigen Orientierungs-Expedition anzuschließen. Aber das Resultat scheint kein günstiges gewesen zu sein. Denn wie auf einen höheren Befehl stellten alle sechs plötzlich die Thätigkeit ein und nach einigen Minuten angstvollen Schweigens gellte plötzlich durch die halb ­ geöffnete Zellenthür der Ruf: „Nandl, Weib, he, Alte, kimm, greis mich an, ich muss krank sein; ich kenne mich nicht aus; ich sehe nimmer gescheit." „Hel Nandl! Nandl! — Weib — Nandl," erklang es immer kläg ­ licher und stärker, fast im Tone eines Er ­ trinkenden. Athemlos stürzte der Medicinbruder her ­ bei mit der Schnapsflasche und trat auf den Pater zu, indem er liebreich sagte: „Grüß Sie Gott und der heilige Franciscus, lieber Pater Chrysigon, Sie haben sich offenbar recht angestrengt und sind etwas fiebrig aufgeregt. Trinken Sie doch hier einmal von diesem Geist. Er ist echt, ist von Milihausen, dann wirds gewiss besser. Und schlafen Sie sich noch etwas aus, Sie bedürfen noch der Ruhe." „Nun, so gieb her die Schnapsflasche," sprach's und riss dem Bruder das Gefäß aus der Hand, dass beinahe der Hals ge ­ brochen wäre, dann ein urkräftiger Schluck, der das Niveau bedeutend zum Sinken brachte, aber statt die Flasche wieder zurückzugeben, behielt er sie in der Hand und begann, mit der anderen seinen schweren Kopf gestützt, in sich selbst hinein zu murmeln: „Jetzt möchte ich nur wissen, was denn das alles eigentlich ist? Träumt mir wirklich oder ist's wahr, . . . oder bin ich am Ende gar ver ­ zaubert? ... He, Nandl, Nandl, weck mich auf, ich hab einen schweren Traum, der Fechtpater von gestern hat mich beim Kragn. Nandl, hörst denn nicht, aufwecken thu mich." „Aber Pater", fuhr jetzt der Küchenbruder dazwischen und zwar schon mit etwas be ­ sorgter Stimme, ich bitte Sie, legen Sie sich doch noch etwas nieder, ich werde Ihnen eine Medicin kochen, Sie sind ja wirklich etwas krank. Geben Sie die Flasche her, dieser Wachholder macht Sie noch ver ­ wirrter, ich mache Ihnen eine gute Medicin und dann thun Sie etwas essen." „Was," schalt jetzt der „Pater" entgegen, „jetzt kenn ich, dass ich verzaubert bin. Ha, der Schnaps da gehört mein, den hab ich mir selber brennt, ich, der Wastlbaur, he, hab auch Vogelbeeren drunter gethan, das gibt ihm erst das Geschmacherl. Und übrigens, jetzt möcht ich auch einmal was wissen. Was ist's denn eigentlich mit mir. Wo ist denn 's Nandl, mein Weib? Wanns nit bald kommt, werd ich närrisch auch noch, verhext bin ich ohnehin schon." „Aber Pater," rief jetzt Bruder Sighart entschieden: „Sagen Sie, sind Sie wirklich krank oder scherzen Sie vielleicht?" „Für's erste," entgegnete jetzt stürmisch der Wastlbaur, „bin ich kein Pater, ich bin der Wastlbaur von Milihausen, merken Sie sich's, der Wastlbaur bin ich; Ihr könnt mich verzaubert haben oder nicht, und," fuhr er fort, indem er sich seiner ganzen Länge nach auf dem Strohsack aufrichtete und dem kleinen Fenster zutrat, „jetzt möcht ich sehen, was es gibt, entweder thut ihr die Zauberei sofort von mir weg, oder ich zerschlag Euch das ganze Gelumpt und zuletzt Euch auch noch. Also, jetzt 's Weib her oder es geht an," sprach's und schlug mit beiden Fäusten auf den morschen Tisch, dass es im ganzen Tract ertönte. Der Krankenbruder war aber bei den letzten Worten zur Thür hinaus geeilt jundHatte diese von außen versperrt. Unterdessen hatte es wirklich schonScherben gegeben in der Zelle: die Schnapsflasche war das erste Opfer und zwar war sie dem Bruder vermeint, traf aber nur zum eigenen Ver ­ derben die grobe Thür. Dann wurde das Fenster j eingeschlagen und gut, dass sonst nichts Gebrechliches in der Zelle war.