36 Waffenruhe und RäumungSanfang. Waffenruhe und Räumungsanfang. Reibungen trotz des Waffenstillstandes. Mit dem Eintreten der Waffenruhe waren natürlich die scharfen Span¬ nungen nicht ohne weiteres beseitigt, die durch die bisherigen Kämpfe ausgelöst waren. Es ist bezeichnend, daß Anfang Juli, also zu einer Zeit, in der im Baltikum Waffenstillstand und in der übrigen Welt Frieden herrschte, der Leiter der lettischen Delegation in einer Erklärung vor der Friedenskommission die nachstehenden Sätze aussprach: „Die Beziehungen Lettlands zu Deutschland werden in der Zukunft die gleichen bleiben, die sie seit 700 Jahren gewesen sind. Die nationalen, ökonomischen und kulturellen Interessen Lettlands stehen im völligen Gegen¬ satz zu denen Deutschlands. Deutschlands -Drang nach Osten' bedeutet ständige Hemmung und Er¬ stickung der lettischen Nation." Die deutsche Gesandtschaft bei den Regierungen Lettlands und Estlands berichtete auf Grund von Wahrnehmungen bei wirtschaftlichen Verhand¬ lungen, „daß die lettländische Regierung vollständig im englischen Fahr¬ wasser ist und dem ohne Vorbehalt verkündeten Grundsatz getreu bleibt, daß es für Lettland nicht in Frage kommt, mit Deutschland politisch zu arbeiten, weil nicht auszugleichende Interessengegensätze bestehen, und daß es Lettlands Aufgabe ist, im Interesse Englands die Vereinigung von Deutschland und Rußland wirtschaftlich, politisch und militärisch zu ver¬ hindern". Solange dieser Geist an den amtlichen Stellen herrschte, waren natür¬ lich Reibungen und Übergriffe der Unterorgane unvermeidlich. Vielfach wurden deutsche Soldaten von Letten beschossen und mißhandelt, reichs- i. Iuir. deutsches Eigentum beschlagnahmt oder geplündert. Am 4. Juli hielten Ballod-Letten bei Majorenhof einen Dampfer der Aa-Flottille mit Waffen¬ gewalt an und entwaffneten einige 30 deutsche Soldaten. Am folgenden Tage kam es in Thorensberg zu Zusammenstößen zwischen dem Detache¬ ment Brandts und Ulmanis-Letten. Auch weiter östlich tauchten in der Folge lettische Abteilungen auf, mit denen die Streifabteilungen der 2. In¬ fanterie-Brigade und der Brigade Schauten1) mehrfache, zum Teil verlust¬ reiche Zusammenstöße hatten. Versprengte Bolschewisten wurden in den *) Die Brigade Schauten war am 28. Juni dem VT. Reservekorps unterstellt worden.