I. Das Drama im Mittelalter und seine Ausläufer. Hat die Kunst überhaupt ihre reichste Befruchtung durch die Religion erfahren, so auch die dramatische. Das war schon bei den alten Völkern der Fall und die christliche Kunstgeschichte sagt uns dasselbe. Und so sind — so paradox es klingen mag — tatsächlich die Tempel und Kirchen die ältesten Schauspielhäuser. Die liebreizenden Szenen mit den schlichten, demütigen Hirten auf dem Feld in der hochheiligen Weihnacht und mit den frommen Frauen am Auferstehungsmorgen wollte man frühe schon dem Volke anschaulich machen und tief ins Herz prägen. Sie waren schon im evangelischen Bericht dialogisch und es bedurfte sonach nur eines kleinen Schrittes zu dramatischer Auffassung. Vermutlich in der Abtei St. Gallen wurde er getan. Dort ersann um das Jahr 900 ein Mönch den Tropus und bald erklangen im Chore die schönen Antiphonen der Weihnachts- und Osterzeit in hehrem Wechselgesange mit den neuen figuralen Einschüben vor dem Bilde des Christ¬ kindes, zu Ostern angesichts des heiligen Grabes: Das Weihnacht- und Osterspiel war geboren.1) Die sinnige Art, den Festesglanz zu erhöhen und das Volk zu erbauen, fand Beifall und weite Verbreitung in deutschen Gauen. Der erfinderische Geist der Mönche wußte bald auch die heiligen drei Könige zu rufen und ließ sie aufs neue dem Christkind ihre Gaben opfern.2) *) Diesem Ergebnisse der gründlichen Untersuchungen in L. Gautiers Histoire de la poesie liturgique au moyen âge, I les Tropes (1886) stimmen W. Creizenach, Geschichte des neueren Dramas, I. Halle 1893, p. 47, und W. Meyer, Fragmenta burana, Berlin 1901, bei: Das geistliche Schauspiel ist eine Erweiterung des gesungenen Tropus: wie dieser, so wird auch das lateinische Schauspiel stets gesungen (p. 37). 2) Im Benediktinerstifte Lambach (Oberösterreich) wird eine Dreikönigfeier aus dem 11. Jahrhunderte mit Neumen aufbewahrt, die ich in der Zeitschrift