Einleitung. Es ist meine Absicht, eine Geschichte der deutschen Dichtung im Lande ob der Enns zu schreiben. Wenn ich nun dieses Versprechen zunächst mit der histo¬ rischen Darstellung der Dramatik einlöse, so geschieht es nicht etwa in der Überzeugung, daß die Dramatik als eine von der Poesie verschiedene, selbständige Kunst zu betrachten sei, als deren wesent¬ lich voneinander nicht zu scheidende Bestandteile sich die Kunst der dramatischen Komposition und die Schauspielkunst darstellten. Wenn ich gleichwohl auch dem Mimen Kränze flechte, tue ich es, weil ich mit Richard Wagner glaube, daß ein Kunstwerk nur dadurch existiere, daß es zur Erscheinung kommt, und dieses Moment für das Drama die Aufführung auf der Bühne sei. Ich habe also Drama und Theater im Auge, verweile lieber bei „brettergerechten“ Stücken, wie Goethe und Schack sich aus¬ drückten, und übergehe bloß von Oberösterreichern herrührende, hier aber nicht nachweislich aufgeführte Stücke, wie die Dramen von M. Denis, oder Literaturdramen, wie die comoediae elegiacae des Mittelalters, die zwar bei uns gelesen worden sind, aber nicht für Aufführungen bestimmt waren. In dem „Vorspiel“ zu „Faust“ läßt Goethe die „lustige Person“ dem um ein geeignetes Thema verlegenen „Theaterdichter“ den bündigen Rat geben: Greift nur hinein ins volle Menschenleben! Ein jeder lebt’s, nicht vielen ist’s bekannt, Und wo ihr’s packt, da ist’s interessant. Zwei Punkte sind in diesen Worten angedeutet: der Zweck des dramatischen Kunstwerkes und sein StoflP oder Inhalt. Es soll „interessant“ sein, d. h. es soll den Zuschauern ästhetischen Genuß