495 Zur Quellenkunde und Methodologie Der jüdische Geschichtsschreiber, der in seiner Arbeit bis zum späten Mittelalter vorgeschritten ist, kann sich nicht mehr, wie bei der Be ­ handlung der vorhergehenden Perioden, über die Dürftigkeit der Quel ­ len beklagen. Der Quellenstoff ist hier vielmehr für einige Problem ­ gebiete so ergiebig, daß er nur in speziellen Monographien, nicht aber in einem auf zusammenfassende Synthese ausgehenden Werke voll erschöpft werden kann. Schwierigkeiten entstehen in diesem Zusammenhänge ledig ­ lich infolge der Ungleichmäßigkeit oder Einseitigkeit des durch das publi ­ zierte Quellenmaterial verbreiteten Lichtes. Während gewisse Momente in ihm mehr oder weniger klar zutage treten, bleiben hingegen andere ganz im Schatten. Auffallend ist vor allem die äußerste Spärlichkeit der jüdischen Quellen im Vergleich zu den nicht jüdischen. Vielen Tausenden von Ur ­ kunden aus den Staats- und Stadtarchiven steht eine verschwindend geringe Zahl jener Dokumente gegenüber, die aus den schon an und für sich sehr seltenen und inhaltsarmen jüdischen Gemeindearchiven stammen (unten, Ziffer i). Für die Behandlung der drei Jahrhunderte (XIII.—XV. Jahrhundert) umspannenden Zeitperiode bietet uns die jüdische Chrono ­ graphie nur zwei zusammenfassende Chroniken („Schebet Jehuda“ und „Emek ha’bacha“), die aber auch erst in späterer Zeit entstanden sind, und daneben einige wenige auf lokale Verhältnisse oder auf Einzelepisor den sich beziehende Aufzeichnungen. Der Historiker sieht sich daher auf die durch Konfrontierung mit jüdischen Quellen nicht zu kontrollierenden Nachrichten angewiesen, die in den zumeist von kirchlicher Tendenz durch ­ drungenen christlichen Chroniken verstreut sind (unten, Ziff. 2). Das größte Hemmnis für eine allgemeingeschichtliche Darstellung bildet aber die viel zu geringe Zahl von wissenschaftlichen Monographien, die die Ge ­ schicke der Juden in den einzelnen Ländern behandeln. Es mag der Hin ­ weis genügen, daß uns noch immer umfassende Werke über die Geschichte solcher jüdischer Zentren wie Deutschland, Frankreich und Italien fehlen. Statt dessen stehen uns nur vereinzelte Monographien über diese oder jene Provinz oder Gemeinde zur Verfügung sowie monographische Unter ­ suchungen über geschichtliche Einzelprobleme (unten, Ziff. 3 und 4). So sieht sich denn der Geschichtsschreiber nach wie vor genötigt, mit seiner architektonischen Hauptarbeit immer wieder auszusetzen, um zunächst das