§ 6U. Polen und Litauen unter den Jagellonen Der königliche Liberalismus versetzte die katholische Geistlichkeit in größte Erregung. Der Führer der klerikalen Opposition, Oiesnicki, dem damals in Rom der Kardinalshut verliehen worden war, setzte alle Hebel in Bewegung, um den Widerruf des für die Juden so gün ­ stigen Statutes zu erwirken. Um diese Zeit entfaltete gerade in dem benachbarten Breslau eine ungestüme judenfeindliche Agitation der päpstliche Legat Capistranus, der dort für die Opfer der Ritualmord ­ lüge das Feuer der Inquisition schürte (oben, § 47)- Einer der Mit ­ streiter des Oiesnicki, der Krakauer Kanonikus und Geschichts- Schreiber Polens, Jan Dlugosz, beeilte sich nun, Capistranus, die „Ju ­ dengeißel“, aufzusuchen, um ihn zu bestimmen, zwecks Beeinflussung des judenfreundlichen Königs schleunigst nach Krakau zu kommen. Der eifrige Legat traf bald in der polnischen Hauptstadt ein, vom Hofe und Klerus feierlichst empfangen. Ohne viel Zeit zu verlieren, wandte sich Capistranus an die auf dem Kirchplatz versammelte Riesenmenge mit einer zornsprühenden Rede, in der er seiner Empö ­ rung darüber Ausdruck gab, daß in der Hauptstadt des katholischen Polen die Juden so zahlreich geworden und zu so einflußreichen Stel ­ lungen gelangt seien. Daneben gab sich der Fanatiker alle Mühe, den König durch Zureden und Drohungen dazu zu bewegen, die den Juden eingeräumten Privilegien wieder außer Kraft zu setzen. Da seine Überredungskunst diesmal ihr Ziel verfehlte, sandte er nach Rom an den Papst Nikolaus V. ein von der Abschrift des den Juden verliehenen Freibriefes begleitetes Schreiben, in dem er sich über den für die Feinde der Kirche hartnäckig ein tretenden König leb ­ haft beklagte. Zugleich mit Capistranus wetterte auch Oiesnicki gegen den König. Im Mai i454 wandte er sich an Kasimir mit einem Brief, in dem er dem König in schroffster Form den Vorwurf machte, daß er den „fälschlicherweise Namen und Titel des Landesherrn Ka ­ simir des Großen führenden“ jüdischen Privilegien „zur Schädigung und Schmähung des Glaubens“ seine Bestätigung habe zuteil werden lassen. Dadurch, daß Oiesnicki die Echtheit des alten, aus dem XIV. Jahrhundert datierenden Dokumentes in Zweifel zog, glaubte er dem König suggerieren zu können, daß die Juden ihm eine gefälschte Ur ­ kunde zur Bestätigung untergeschoben hätten (kurz vorher wurde nämlich die Urschrift des Freibriefes Kasimirs des Großen bei einer Feuersbrunst in Posen ein Raub der Flammen, so daß die jüdischen Abgeordneten die Urkunde dem König nur in einer Abschrift vorzu- 30 Duhnow, Weltgeschichte des jüdischen Volkes, Bd. V 465