442 Italien zur Zeit der Frührenaissance auf die Opferung von zweihunderttausend spanischen und hundert ­ tausend sizilianischen Juden, nicht .verzichten. Die einzige zugestan ­ dene Erleichterung war die Verlängerung der Gnadenfrist bis zum Dezember 1492. Gegen Ausgang des Jahres verließen alle Juden mit Ausnahme der zum Christentum Übergetretenen die Insel; es war ihnen gestattet, nur das Allernotwendigste mit sich auf den Weg zu nehmen, während ihr sonstiger Besitz dem Reichsschatz zufiel. Die Vertriebenen begaben sich zunächst nach Neapel, Apulien und Ka ­ labrien. Als aber diese Gebiete bald darauf von dem vereinigten spa ­ nisch-französischen Heere überflutet wurden und im Jahre i5o5 auch Neapel den Spaniern in die Hände fiel, sahen sich die Auswan ­ derer genötigt, sich von dem süditalienischen Boden endgültig loszu ­ reißen. Ein Teil von ihnen zog nach dem Norden, andere wieder wandten sich nach der Balkanhalbinsel, nach dem neuerblühten Tür ­ kenreiche. Sie begründeten in Konstantinopel, Saloniki, Adrianopel, Patras, Larissa und anderen Städten mit vorwiegend griechischer Be ­ völkerung, die sie schon aus ihrer Heimat gut kannten, bedeutende, festgefügte Gemeinden. So brachte auch Italien dem an der Grenz ­ scheide der Neuzeit wütenden Moloch ein ansehnliches Opfer dar: das ihm zu Ehren zerstörte uralte sizilianische Diasporazentrum sollte bis ins XIX. Jahrhundert hinein in Schutt und Asche liegen. § 61. Das jüdische Schrifttum in der Epoche der italienischen Renaissance Zugleich mit den ersten Anfängen der italienischen literarischen Renaissance erlebte in der ersten Hälfte des XIV. Jahrhunderts auch das jüdische Schrifttum in Italien eine Zeit der Wiedergeburt. Diese Wiedergeburt war das Ergebnis einer zwiefachen Beeinflussung, die zum Teil vom italienischen Lande selbst, zum Teil von der Provence ausging. Einerseits stand nämlich das geistige Leben der italienischen Judenheit unter der Einwirkung neu zuströmender literarischer Schaffenskräfte aus der französischen Provence, von wo aus seit der im Jahre i3o6 erfolgten Vertreibung eine ununterbrochene Auswan ­ dererbewegung nach Italien im Gange war; andererseits machte sich aber auch der frische Luftzug des Zeitalters eines Dante, Petrarca und Boccacio, der atmosphärische Druck der freien Gedankenströ ­ mungen bemerkbar, denen sogar die Mauern der Judenviertel kein