Deutschland im XIV. und XV. Jahrhundert 3o2 tember i348). Von hier aus drang die Verleumdungsseuche, der nach dem Norden hin sich ausbreitenden Pest auf den Fersen folgend, in die Schweiz ein. Im Kanton Aargau und in Bern tauchte die Mär von festgenommenen Giftmischern auf, worauf die Mitglieder des Ber ­ ner Stadtrates den Stadträten von Basel, Freiburg und Straßburg die Nachricht zukommen ließen, daß die Juden überall „Gift ausstreu ­ ten“. Bald wurden in Zürich einige der „schuldigen“ Juden ver ­ brannt, während der Rest aus der Stadt vertrieben wurde. Auch in Konstanz, Schaffhausen, Überlingen und in anderen um den Boden ­ see herum gelegenen Städten wurden die Juden scharenweise ver ­ brannt, gehenkt, gerädert. In Konstanz fand sich ein Jude, der aus Verzweiflung in die Taufe einwilligte, dann aber, von Reue geplagt, sein Haus in Brand steckte, um mit dem Rufe: „Sehet, ich sterbe als Jude!“ mitsamt seiner Familie in den Flammen umzukommen. Im September ließ der Papst erneut an die Christenheit eine Bulle er ­ gehen, in der er die Grundlosigkeit der gegen die Juden erhobenen Anklage betonte und darauf hinwies, daß die angeblichen Urheber der Volksseuche ihr ja selbst zum Opfer fielen und daß anderer ­ seits die Pest auch dort wüte, wo es keine Juden gebe. Die so ein ­ leuchtenden Beweisgründe des Hauptes der katholischen Welt muß ­ ten indessen ihre Wirkung auf die Menge, die von der Geisteskrank ­ heit der „Judäophobie“ im Sinne der „Judenscheu“ befallen war, gänzlich verfehlen. Kam doch diese Krankheit überall mit derselben elementaren Gewalt zum Durchbruch wie etwa die Hydrophobie, die Wasserscheu, bei Menschen, die von einem tollwütigen Hunde ge ­ bissen worden sind. Besonders grauenvoll waren die Folgen, die der „Schwarze Tod“ für die Judenheit Deutschlands nach sich zog, wo er gegen Ende des Jahres i348 seinen unheimlichen Einzug hielt, um dann ein ganzes Jahr lang unaufhörlich zu wüten. Die christlichen Volksmassen teil ­ ten hier einfältiger- oder geheuchelterweise den Glauben, daß die Juden im gesamten Rhein- und Donaugebiet alles Wasser mit ihrem Gift verseucht hätten. Das Volk kehrte sich weder an die päpstlichen Bullen noch an die Ermahnungen des neuen Kaisers Karl IV. (1347 bis 1378), der für die dem Staatsschatz durch die Judenverfolgungen zugefügten Verluste die Städte haftbar zu machen drohte. Ganz Deutschland stand eben im Banne des religiösen Wahnsinns. Durch die Städte zogen Scharen von in Raserei geratenen Fanatikern, den