Deutschland im XIV. und XV. Jahrhundert an den Papst in unverhohlener Weise seinem begründeten Verdacht Ausdruck, daß die Priester, um das Volk durch Wunder zu verblüffen und es zugleich gegen die Juden aufzustacheln, die Hostie in betrüge ­ rischer Weise selbst mit Blut besudelten. Dank diesem Herrscher ge ­ lang es in Österreich, der aus dem benachbarten Bayern, dem Hauptschauplatz der Untaten der Judenschläger, einbrechenden Ver ­ folgungsseuche mit fester Hand Einhalt zu gebieten. § 44. Der Schwarze Tod (13U8—13U9) Die geistige Infektionskrankheit des Judenhasses erreichte ihren Höhepunkt im Jahre i348, als sich in Europa eine der grauenvollsten physischen Epidemien verbreitete: die aus dem Orient verschleppte Pest, die im Volke „das große Sterben“ oder „der Schwarze Tod“ ge ­ nannt wurde. Die Seuche richtete überall grenzenlose Verheerungen an: Millionen von Menschen fielen ihr zum Opfer, ganze Städte und Provinzen starben aus. In der kurzen Zeitspanne von zwei bis drei Jahren hatte nach manchen Schätzungen „der Schwarze Tod“ den dritten Teil der gesamten europäischen Bevölkerung hingerafft. Die Menschen waren wie von Sinnen. Die unaufgeklärte Menge, die dem Unglück fassungslos gegenüberstand, fing die unsinnigsten Gerüchte über dessen Ursachen mit wilder Gier auf; der Aberglaube steigerte sich zur Glaubenswut und trieb das Volk auf den Weg des Ver ­ brechens. In diesem kritischen Augenblick wurde das ungeheuerliche Gerücht in Umlauf gesetzt, daß die Volksseuche durch die Juden her ­ aufbeschworen sei, die zwecks Ausrottung der Christenheit das Brun ­ nen- und Quellwasser vergiftet hätten. Der Funke fiel in ein Pulver ­ faß, und es kam zur Explosion: die Volkswut wandte sich mit ihrer ganzen Wucht gegen die Juden. Die böswillige Verleum ­ dung, unter der die Juden schon einmal in Frankreich zu leiden hat ­ ten (oben, § 39), wurde trotz ihrer offensichtlichen Absurdität, da doch die Juden das von ihnen angeblich vergiftete Wasser selbst tranken und auch von der Pest in keiner Weise verschont blieben, von den christlichen Volksmassen für bare Münze genommen. Der Verdacht gegen die „Giftmischer“ fand an manchen Orten eine Stütze darin, daß die Sterblichkeit unter den Juden verhältnismäßig gerin ­ ger war als unter den Christen, was wohl auf ihre mäßigere Lebens ­ weise, auf ihre Nüchternheit und vor allem auf die sorgfältigere Kran- 3oo