294 Drittes Kapitel Die Jahrhunderte der Bedrängnis in Deutschland (XIV.—XV. Jahrhundert) § 43. Bedrückung und Volksexzesse: Ludwig der Bayer und die „Judenschläger“ Zu seiner höchsten Entfaltung gelangte das mittelalterliche Regime in Deutschland erst im Laufe des XIY. und XV. Jahrhunderts. In bezug auf die Juden bürgerte sich hier ein System ein, das gleich ­ sam ein Zusammenwirken des Druckes von oben und des Massen ­ ansturms von unten darstellte. Die lange Übung brachte es mit sich, daß die Herrscher in der systematischen Ausbeutung ihrer „Kammer ­ knechte“, die Volksmassen aber in den periodisch wiederkehrenden Exzessen eine immer größere Virtuosität an den Tag legten. Der um die Juden gezogene magische Kreis schließt sich: die Unsicherheit von Leben und Besitz zwingt sie, bei den Königen Schutz zu suchen, dieser Schutz kommt ihnen indessen allzu teuer zu stehen und treibt sie infolge ihrer aufs äußerste eingeschränkten Gewerbefreiheit in die Sackgasse des Geldhandels, was wiederum den wirtschaftlichen Judenhaß der christlichen Massen steigert, der im Verein mit der von dem Klerus geschürten religiösen Feindseligkeit schließlich zu Massenausschreitungen führt, die die Juden hinwiederum ihren kö ­ niglichen Beschützern in die Arme treiben. So wird der Jude zwischen den Spitzen der Gesellschaft und ihren Tiefen hin und her geschleu ­ dert, von jenen geknechtet, in diesen zermalmt. Trost wird ihm nur in seiner inneren Welt, in den Mauern seines Viertels, in seiner Ge ­ meinde, in der er sich denn auch gegen die feindliche Umwelt aufs sorgsamste absperrt. Dies führt indessen nur dazu, daß sich die Feind ­ schaft gegen den sich Absperrenden durch Argwohn noch mehr ver ­ schärft: er führe, heißt es überall, Unlauteres im Schilde, suche sich