Zerstörung des französischen Zentrums 276 den Feinde. Diesen gelang es jedoch, die Feste in Brand zu stecken und in ihre Tore einzubrechen. Um der unabwendbaren Taufe zu ent ­ rinnen, griffen die Juden zu einem alterprobten Mittel: sie schnitten sich gegenseitig die Kehle durch; doch brachten sie es nicht übers Herz, auch ihre Kinder mit sich in den Tod zu nehmen. Diese fielen so den Siegern in die Hände und wurden der Taufe zugeführt. Die Stadthauptleute machten zwar den Versuch, die Juden in Schutz zu nehmen; indessen war es nicht leicht, den Mordgesellen, die dem Volke als Helden des Glaubens galten, Einhalt zu gebieten. So fielen ihnen denn die Juden in Toulouse, Bordeaux, Albi und an anderen Orten zum Opfer. Erst nachdem die Volksunruhen zu einer Gefahr auch für den Adel und die Geistlichkeit geworden waren, erging vom Papste Johann XXII. aus Avignon der Befehl, den Banditen Zügel anzulegen. Nunmehr rückte die christliche Bevölkerung überall von den Hirten entschieden ab. Die gegen Narbonne vorrückenden Banden wurden angehalten und zerstreut. Kleineren Haufen der Hirtenarmee gelang es jedoch, nach den benachbarten Gebieten von Navarra und Aragonien durchzubrechen, die sie, wie erwähnt, eine Zeitlang un ­ sicher machten. Wenn der Bericht eines Chronisten aus späterer Zeit (Ibn Verga) auf Wahrheit beruht, kamen in Frankreich und Nord ­ spanien während der Schrecken des Hirtenzuges („Geserath haToim“) etwa hundertundzwanzig jüdische Gemeinden zu Schaden. Kaum hatten sich die französischen Juden von dieser Katastrophe erholt, als sie schon von neuem Unheil heimgesucht wurden. In Frank ­ reich gab es nämlich um jene Zeit viele Aussätzige, die wegen der An ­ steckungsgefahr außerhalb der Städte angesiedelt zu werden pfleg ­ ten, wo sie ein elendes, armseliges Dasein führen mußten. Von Rache ­ gefühlen gegen die sie ausstoßende Menschheit getrieben, begannen nun die Aussätzigen in Südfrankreich, wie die Volksmär behauptete, das Wasser in den Brunnen und Flüssen zu vergiften, wodurch viele Menschen ums Leben kamen (i32i). Als die des Verbrechens Ver ­ dächtigen ergriffen wurden, wurde ihnen auf der Folterbank die Aussage abgepreßt, daß der teuflische Plan der Brunnenvergiftung ihnen von den Juden eingegeben worden sei. Das schlechte Gewissen der christlichen Judenhasser, die sich noch vor kurzem für die Aus ­ rottung der jüdischen Bevölkerung ereifert hatten, mochte es ihnen als plausibel erscheinen lassen, daß sich die Opfer nun an ihren Pei ­ nigern für den Hirtenzug zu rächen suchten. Der niedrigen Verleum-