§ 38. Rabbinismus und konservative Philosophie (Crescas) 265 weniger Erfolg beschieden gewesen sein als dem gegen das Frei- denkertum der Gebildeten. Der Cherem des Jahres i3o5 verbannte die weltliche Wissenschaft und die Philosophie endgültig aus der Schule, in der nunmehr der Talmud uneingeschränkt herrschte. Der großartige Versuch des Maimonides, die Fluten des „talmudischen Meeres“ einzudämmen, um für die weltlichen Wissenschaften freien Spielraum zu schaffen, war mißlungen. Rosch, seine Söhne und seine zahlreichen Jünger spannten über ganz Spanien ein Netz von Jeschiboth nach deutschem Vorbilde, in denen die allumfassende Syn ­ these des Maimonides durch kleinliche scholastische Analyse ver ­ drängt wurde. Zu den Untersuchungen und „Responsen“ der Ge ­ setzeslehrer des vorhergehenden Jahrhunderts von der Art eines Raschba gesellten sich nunmehr die halachischen Entscheidungen des Rosch („Piske ha’Rosch“) und seiner Schule. Auf diese Weise häufte sich eine so große Menge von neuen Gesetzesinterpretationen und Rechtsentscheidungen maßgebender Rabbiner an, daß eine er ­ neute Kodifikation des geltenden jüdischen Rechts in Ergänzung des Kodex des Maimonides zur unabweisbaren Notwendigkeit wurde. So kommt denn im XIV. Jahrhundert eine ganze Literatur der „Sammler von Gesetzesformulierungen und Rechtsentscheidungen“, der soge ­ nannten „Posskim“, zur Entfaltung. Das systematisch vollendetste Werk dieser Literatur war der vom Sohne des Rosch, Jakob ben Ascher (gest. um i34o), zusammengestellte Kodex „Turim“ („Rei ­ hen“). Aus diesem Kodex wurden alle staats-, sakral- und agrarrecht ­ lichen Gesetze, soweit sie das unabhängige Leben in Palästina voraus ­ setzten und daher in dieser Zeit nur noch rein theoretisches Interesse hatten, gänzlich ausgeschieden, statt dessen aber viele auf rabbinische Entscheidungen und Volksbräuche sich gründende Vorschriften als geltendes Recht aufgenommen. Der umfangreiche Kodex „Turim“ be ­ steht aus vier Teilen. Der erste („Orach-chaim“) behandelt die den Gottesdienst, den Sabbat sowie die Feier- und Fasttage betreffenden Vorschriften; der zweite („Jore dea“) die Speisegesetze, die Vorschrif ­ ten über das Viehschlachten und das häusliche Leben; der dritte („Eben eser“) das Familienrecht: Ehe, Ehescheidung u. dgl. regelnde Gesetzesvorschriften, der vierte („Choschen mischpat“) endlich das Zivil- und Strafrecht. Die die Riten betreffenden Gesetzespartien sind somit im Kodex „Turim“ im Vergleich zum Kodex des Maimonides mit viel größerer Ausführlichkeit dargestellt, während der dogma ­