§ 26. Antirationalismus, Mystizismus und die Martyrologien 193 dort nach Spanien zu ziehen, wo er in Toledo zum Rabbiner erwählt wurde (oben, § i5). Hier geriet er, wie berichtet, mitten in das Feuer* des zwischen Konservativen und Freidenkern wütenden Kulturkampf fes und schloß sich bald vorbehaltlos den ersten an. Ein anderer Schüler des R. Meir, der Nürnberger Rabbiner Mardochaj. ben Hillel, fiel, wie schon erwähnt, den Horden des Rindfleisch als Märtyrer des Glaubens zum Opfer. Das von ihm verfaßte talmudische Kompen ­ dium „Mardochai“ lehnte sich an die Darlegungsweise des berühm ­ ten Werkes des Alfassi an, war aber reichlich von der in den deut ­ schen Schulen beliebten Kasuistik gewürzt. Die mangelhafte stilisti ­ sche Bearbeitung des Werkes legt die Vermutung nahe, daß das tragi ­ sche Schicksal den Verfasser mitten in seiner Arbeit ereilt hat. §26. Antirationalismus, Mystizismus und die Martyrologien In der gewitterschwangeren Atmosphäre, in der die deutsche Ju- denheit um diese Zeit leben mußte, konnten sich die geistigen Schaf ­ fenskräfte nur in sehr einseitiger Weise entfalten. So blieben die deutschen Juden auch im XIII. Jahrhundert von den geistigen Be ­ wegungen in Spanien und Südfrankreich völlig unberührt. In den schmalen Bezirk des Talmudismus gleichsam wie in ihre enge Juden ­ gasse eingezwängt, brachten die jüdischen Gelehrten Deutschlands den weltlichen Wissenschaften und der Philosophie nur Gleichgültigkeit, wenn nicht gar Feindseligkeit entgegen. Die wegwerfende Äußerung des Rosch über die „profanen Wissenschaften“ (oben, § 17) ist auch für alle seine Landsleute durchaus bezeichnend. Diese Stimmung kam am krassesten in der Wirksamkeit des deutschen Rabbiners Moses Tako zum Ausdruck (lebte in Regensburg und Wiener Neustadt in der zweiten Hälfte des XIII. Jahrhunderts), der der Philosophie des Mai- monides in einem Lande den Kampf ansagte, wo zu ihrer Verteidi ­ gung niemand auch nur ein Wort vorgebracht hätte. In seinem Werke „Ketab tamim“ („Die Schrift eines Rechtgläubigen“) fällt er in hef ­ tigster Weise über die Rationalisten her, die der Gottheit alle mensich- lichen Eigenschaften absprächen, während doch in der Bibel unzwei ­ deutig von dem „Arm Gottes“, dem „Antlitz Gottes“, vom göttlichen „Zorne“, von seiner „Barmherzigkeit“ usw. die Rede sei. Solche Aus ­ drücke müßten, wie Moses Tako meint, keineswegs nur bildlich, son ­ dern wörtlich verstanden werden: Gott seien tatsächlich konkrete 13 Dubnow, Weltgeschichte des jüdischen Volkes, Bd. V