§ 21. Die Ritualmordlüge und der päpstliche Protest 11* i63 Judentums gerieten. Darum ließ auch Innocenz IY. im Jahre 1254, als er davon Kenntnis erhielt, daß sich die Juden der Konstanzer Diözese von den Christen in ihrer Tracht nicht unterschieden, an den dortigen Bischof den Befehl ergehen, diesen Mißstand unverzüglich abzustellen, damit jeder Verkehr zwischen Juden und Christen, namentlich zwischen Personen verschiedenen Geschlechts, den Bestim ­ mungen der Lateransynode gemäß unterbunden werde. Im Jahre 1241 hatte die jüdische Bevölkerung mehrerer deutscher Städte aus einem besonderen Anlaß sorgenvolle Tage durchzumachen. Die deutsche Ostmark (die Gegend von Breslau) wurde plötzlich durch eine Invasion mongolischer Horden heimgesucht, die bereits vorher Rußland und einen Teil Polens verheert hatten. Im Volke ver ­ breitete sich nun das Gerücht, daß die eingedrungenen asiatischen Völkerschaften mit den Juden verwandt und von diesen zum Sturz der christlichen Gewalt nach Deutschland berufen worden seien. Die christliche Chronik (des Matthäus von Paris) will sogar wissen, daß Grenzwächter eines Tages bei jüdischen Kaufleuten in Weinfässern für die Mongolen bestimmte Waffen entdeckt hätten, worauf die jü ­ dischen Händler zum Teil hingerichtet, zum Teil ins Gefängnis ge ­ worfen worden seien. Das im Volke verbreitete Gerücht scheint mit jener messianischen Erregung in Zusammenhang gestanden zu haben, die sich um diese Zeit der europäischen Judenheit bemächtigt hatte. Viele hegten nämlich den Glauben, daß mit dem Jahre 12^0, das dem Jahre 5ooo der jüdischen Zeitrechnung entsprach, die Ära der Er ­ lösung Israels anbrechen werde, da sich nach der talmudischen Über ­ lieferung im sechsten Jahrtausend der Welt das messianische Zeit ­ alter bereits vollenden müßte. Die Invasion wildfremder asiatischer Völkerschaften, die halb Europa unter ihre Gewalt gezwungen hatten, rief in den Juden die Hoffnung auf eine baldige Wiedervereinigung mit ihren östlichen Brüdern und auf die Befreiung des Heiligen Lan ­ des von dem christlich-muselmanischen Joche wach. Diese den Chri ­ sten nicht entgangene dumpfe Bewegung wird in einer deutschen Chronik („Gesta Trevirorum“) mit folgenden Worten erwähnt: „Die Juden sind von großer Freude ergriffen, da sie im Jahre 1241 seit der Leibwerdung unseres Herrn das Erscheinen ihres Messias und ihre Befreiung erhoffen“. Indessen sollten all diese Illusionen an der traurigen Wirklichkeit restlos zerschellen. Noch im selben Jahre be ­ kam die jüdische Gemeinde der kaiserlichen Stadt Frankfurt am Main