§ 16. Philosophie und Frcidenkertum 121 mich davor bewahrt hat“. Diese Worte ertönten mitten in einem heißen Kampfe, der in Spanien und Südfrankreich in den ersten Jahren des XIV. Jahrhunderts aufs neue entbrannt war. §16. Philosophie und Freidenkertum Im XIII. Jahrhundert stießen in der christlichen Scholastik, deren Mittelpunkt die Pariser Universität war, zwei Richtungen hart aufein ­ ander. Die eine war bestrebt, die Religion mit der Philosophie des Aristoteles zu versöhnen, degradierte aber in Wirklichkeit die Philo ­ sophie zu einer „Dienstmagd der Theologie“ (ancilla theologiae), in ­ dem sie sich des logischen Apparates der aristotelischen Lehre nur als eines Hilfsmittels zur Begründung religiöser Dogmen bediente. Der hervorragendste Vertreter dieser Richtung war der berühmte Kirchen ­ lehrer, der Dominikaner Thomas von Aquino, der die Kenntnis der aristotelischen Lehre vornehmlich den Werken des Averroes und des Maimonides verdankte. Die andere Richtung, die die Unvereinbarkeit von Philosophie und Religion behauptete, vertrat den Standpunkt der „zwiefachen Wahrheit“. Die Wahrheit des Glaubens — so meinten die Parteigänger dieser Richtung — stimme nicht immer mit der Wahrheit der Vernunft überein, da die eine von den natürlichen Er ­ scheinungen, die andere aber von den übernatürlichen Tatsachen ihren Ausgang nähme. Eine Zwiefältigkeit der Weltauffassung sei daher unvermeidlich: es stehe jedem frei, auf dem Wege der Vernunft et ­ was zu erkennen und dabei an das Gegenteil zu glauben. Dieser ge ­ fährliche Dualismus, auf den die Anhänger des Averroes verfallen waren, wurde von den rechtgläubigen Theologen aufs schärfste ver ­ folgt. Im Jahre 1269 und 1277 verhängte die Pariser Universität, auf die Forderung der Geistlichkeit hin, den Bannfluch über alle Ver ­ fechter dieser Ansicht, zugleich aber auch über alle diejenigen, die sich zu den den Kirchendogmen zuwiderlaufenden Grundsätzen der „natürlichen Philosophie“ bekannten: zu der Ewigkeit oder Uner- schaffenheit der Welt, zu der Beseeltheit der Himmelssphären, zur Leugnung der leiblichen Auferstehung u. dgl. m. Von ähnlichen, wiewohl nicht ganz gleichen Tendenzen war um jene Zeit auch der Entwicklungsprozeß des jüdischen philosophischen Denkens beherrscht. Die treu zum Vermächtnis ihres Meisters halten ­ den Maimonisten taten nämlich der Philosophie um deren Anpassung