§ iU. Die Maimonisten und ihre Gegner Talmudstudium abzulenken, zu manchen Ausfällen von orthodoxer Seite Anlaß (Band IV, § 49)* Namentlich war es das erste Buch des maimonidischen Kodex, das „Buch der Erkenntnis“, in dem die Dog ­ matik des Judaismus im Lichte der Philosophie dargestellt wurde, das bei den Verfechtern des Althergebrachten auf schärfsten Widerspruch stoßen mußte, weil ihnen darin alle traditionellen Vorstellungen von der Gottheit, von den Wundern und vom Leben im Jenseits gleichsam zu blassen metaphysischen Abstraktionen degradiert schienen. In noch viel höherem Maße rief der „Führer der Irrenden“ ihre Empörung hervor, in welchem, dem bekannten mittelalterlichen Grundsatz zu ­ wider, die Religion als Handlangerin der Philosophie erschien. Aber auch die weitsichtigeren unter den Orthodoxen erblickten in der Grundeinstellung der vom Geiste des Rationalismus getragenen mai ­ monidischen Lehre eine Gefahr für den nationalen Judaismus. Und doch fand diese in den gebildeten Kreisen größten Anhang und be^- geisterte Verehrer. Besonders zahlreich waren sie in der Provence, in Kastilien und Aragonien vertreten, wo der „Führer“ in den hebräi ­ schen Übersetzungen des Ibn Tibbon und des Dichters Alcharisi von Hand zu Hand ging und von den Freidenkern gleichsam als neue Offenbarung gepriesen wurde. Schon ein Menschenalter nach dem Tode des großen Meisters begann sich die liberale geistige Bewegung im Leben des Volkes weithin bemerkbar zu machen. Das Freidenker- tum trat hierbei nicht nur in der Gesinnung, sondern auch in Hand ­ lungen, in der Mißachtung der religiösen Bräuche hervor. So unter ­ nahm der französische Rabbiner Moses aus Coucy im Jahre 12 36 eigens eine Reise nach Spanien, um diejenigen, die wichtige religiöse Riten (wie z. B. das Tefillin-, Zizith- und Mesusothgebot) außer acht ließen oder gar mit Christinnen in Ehe oder Konkubinat lebten 1 ), auf den rechten Weg zu weisen. Auch sein Zeitgenosse, der Pariser Bi ­ schof Guillaume d’Auvergne, bezeugt die zunehmende Verbreitung der Irrlehren unter den Juden, besonders in dem ehemaligen sarazenischen Herrschaftsbereich in Spanien: „Viele schließen sich der Lehre von der Ewigkeit der Welt und den übrigen Verirrungen des Aristoteles an“, während andere das „unnütze Joch“ der Gesetze und Glaubens ­ 1 ) Klagen über das auch nach den Kirchenkanons strafwürdige Zusammen ­ leben von Juden mit Christinnen in Aragonien sind außerdem in den amtlichen Urkunden aus der Zeit Jakobs I. häufig anzutreffen (Regne, Catalogue des actes, Nrn. 200, 206, 619 u. a.).