io5 Drittes Kapitel Die geistigen Strömungen in Spanien und Frankreich im XIII. Jahrhundert § 1U. Die Maimonisten und ihre Gegner In den beiden Hegemoniezentren des Judentums, in Spanien und Frankreich, war das XIII. Jahrhundert trotz des zunehmenden kirch ­ lichen Druckes eine Periode regsten geistigen Lebens. In Spanien war dies eine Folge der in der vorangegangenen arabischen Epoche er ­ blühten literarischen Renaissance, die in der großartigen Synthese des Maimonides ihren Höhepunkt erreichte; in Nordfrankreich wirkte da ­ gegen noch immer der Einfluß der von Raschi und den Tossafisten begründeten talmudischen Schule nach. Zwischen den beiden Ländern lag aber, politisch und kulturell aufs engste mit ihnen verbunden, die Provence mit ihren alten jüdischen Zentren, wo Elemente französi ­ scher und arabisch-spanischer Kultur unmerklich ineinander übergin ­ gen und wo der Kampf des konservativen Rabbinismus gegen das Freidenkertum gleichsam eine Parallele zu dem Kampf der Kirche gegen das Schisma der Albigenser bildete. Die umgebende geistige Atmosphäre blieb eben nicht ohne Einfluß auf die Gestaltung der geistigen Rewegungen innerhalb des Judentums selbst. In denselben Jahren, da der Papst Innocenz III. und die unter seinem Segen ge ­ stifteten Mönchsorden eine alleuropäische klerikale Organisation zur Unterdrückung der die Kirchenautorität gefährdenden Glaubensströ ­ mungen schufen, verschärften sich die konservativ-orthodoxen Ten ­ denzen auch innerhalb der jüdischen Gemeinschaft. Die Wächter der Kirche ließen zu beiden Seiten der Pyrenäen Inquisitionstribunale zur Aburteilung der Freidenker erstehen; die Eiferer der Synagoge fahn ­ deten ihrerseits nach der Ketzerei in ihrer eigenen Mitte und erblick ­ ten sie in der sich frei entfaltenden Religionsphilosophie, die in dem