§ 2. Der innere Kreuzzug und die Lateransynode 23 Wir verfügen daher, daß sich die Kirchenprälaten dem Festhalten (der Täuflinge) an den früheren Bräuchen in jeder Weise entgegen ­ stellen, auf daß diejenigen, die von ihrem guten Willen zur christ ­ lichen Religion geführt worden sind, vermittels heilbringenden Zwan ­ ges (salutiferae coactionis necessitas) in ihr auch festgebannt blei ­ ben“. Gemeint sind damit wohl diejenigen, die während der Juden ­ hetze zur Zeit des Kreuzzuges gegen die Albigenser, von Todesangst getrieben, in die Taufe einwilligen mußten. Die Anwendung des „heilbringenden Zwanges“ solchen Abtrünnigen gegenüber kündigte bereits das Regime der Inquisition und die künftigen Autodafes an. Vor seiner Auflösung bestätigte noch das Konzil das päpstliche Dekret über einen neuen, später fehlgeschlagenen Kreuzzug nach dem Orient. Zugleich wurde den Kreuzfahrern der Erlaß der von ihnen geschul ­ deten Zinsen sowie die Stundung der Kapitalschuld selbst in Aussicht gestellt, wobei die jüdischen Gläubiger zur Nachgiebigkeit gezwungen und den Widerspenstigen alle geschäftlichen Beziehungen zu Christen untersagt werden sollten. Noch vor der Einberufung der Synode bemächtigte sich der Juden Südfrankreichs, denen die Absichten des Papstes Innocenz’ III. nicht unbekannt geblieben waren, die größte Unruhe. Im Jahre 12iS ver ­ sammelten sich, wie der Chronist berichtet, in Saint-Gilles Abgeord ­ nete der jüdischen Gemeinden aus den Bezirken von Narbonne und Marseille, um darüber zu beraten, „wer nach Rom gehen sollte, um das Vorhaben des Papstes am Tage des Zusammentritts aller Bischöfe zu vereiteln“. Ob sich eine solche Deputation tatsächlich nach Rom begeben hat, bleibt unbekannt; jedenfalls gelang es nicht, die Gefahr zu bannen, und so weiß derselbe Chronist weiter zu berichten: „Im Jahre 4976 1 ) befahl die frevelhafte Regierung, daß sich alle unsere Stammesgenossen vom zwölften Jahre ab durch besondere Merkzeichen kenntlich machen: die Männer an den Kappen, die Frauen an den Hauben. Und überdies legte man jedem Hausbesitzer eine Abgabe von sechs ,Peschutim‘ auf, die man alljährlich vor dem christlichen Feier ­ tag an die Ortspfaffen zu entrichten hatte. Im selben Jahre ist der Papst, der über die Juden Schlechtes geredet hat, plötzlich gestorben“. Der Urheber der im Jahre 1215 auf dem römischen Konzil prokla- !) Der November des Jahres 1215, der Monat, in dem die Synode tagte, ent ­ spricht dem Monat Kislev des Jahres 4976 nach der jüdischen Zeitrechnung. S. „Schebet Jehuda“, S. n4~n5.