§ 2. Der innere Kreuzzug und die Lateransynode Ermordung von Christen durch Judenhand vollen Glauben zu schen ­ ken. So verlangt er denn vom König, daß dieser gegen die Juden und Ketzer in Frankreich die allerstrengsten Maßnahmen ergreife (i2o5). Der Haß Innocenz’ III. gegen das Judentum, in dem er eine be ­ deutende geistige und soziale Macht sah, steigerte sich in dem Maße, in dem die von ihm bekämpfte ketzerische Strömung innerhalb des Christentums selbst immer weiter um sich griff. Schon im XII. Jahrhundert hatte nämlich im Süden Frankreichs und an anderen Orten die Ketzerei der Waldenser oder der „Armen von Lyon“ Ver ­ breitung gefunden, die die Rückkehr zum unverfälschten evange ­ lischen Glauben predigten und sich gegen die ganze Verfassung der Kirche samt deren Oberhaupt, dem römischen Papste, auf lehnten. Zu Beginn des XIII. Jahrhunderts mehrten sich auch die Anhänger einer anderen Sekte, der der Katharer oder Albigenser, wie man sie nach der provenzalischen Stadt Albi zu nennen pflegte. Die Sektierer ver ­ dammten den korrupten katholischen Klerus und sprachen ihm das Recht auf Beichte und Absolution ab, wobei manche noch viel weiter gingen und alle Kirchensakramente sowie die Anbetung der Mutter Gottes, der Heiligenbilder und der Reliquien aufs entschiedenste ab ­ lehnten. Die Lehren der Sekte stellten eine Kombination verschiedener Bestandteile des antiken Gnostizismus, des manichäischen Dualismus und des Dämonismus dar. Während viele unter den Katharern die Ansicht vertraten, daß das Alte Testament von Satan-Jehova und nur das Neue von dem wahren Gott herrühre, tauchte daneben im Zusammenhang mit der Ketzerbewegung der Waldenser auch eine Gruppe judaisierender Sektierer auf, die sich „Wanderer“ oder „Beschnittene“ (Passagii, Circumcisi) nannten und die Rückkehr zum Alten Testament predigten. Zu Beginn des XIII. Jahrhunderts war die Zahl der verschiedenen Sektierer, insbesondere aber der Katharer so groß, daß die christliche Bevölkerung in einigen Gegenden der Provence und des Languedoc fast durchweg aus „Ketzern“ bestand. Die Hochburgen der Ketzer waren die von Juden dicht bevölker ­ ten Städte Beziers, Carcassonne, Albi, Toulouse sowie deren Be ­ zirke. Bei der nahen Nachbarschaft der ketzerischen Albigenser und der Juden mußte sich nun der Gedanke an einen unmittel ­ baren Einfluß des Judentums auf manche Abarten der Ketzerei gleichsam von selbst aufdrängen. Überdies traf es sich, daß ge ­ rade der mächtigste Vasall des französischen Königs, Raimund VI., 2 Dubnow, Weltgeschichte des jüdischen Volkes, Bd. V *7