Erstes Kapitel Das französische Zentrum und die englische Kolonie im XIII. Jahrhundert § 2. Der innere Kreuzzug und die Lateransynode An Stelle der unorganisierten Judenhetze des XII. Jahrhunderts, die namentlich in den Massenausschreitungen der Kreuzfahrer zum Ausdruck kam, trat im XIII. Jahrhundert die mit aller Planmäßigkeit unter Oberleitung der katholischen Kirche organisierte Judenbedrük- kung. Die Wendung vollzog sich in dem Moment, als die streitbare Kirche, die ehedem die Kreuzfahrermassen nach dem Orient getrieben hatte, den Aufruf zu einem inneren Kreuzzug gegen die in Europa selbst, insbesondere in Südfrankreich zahlreich gewordenen Ketzer ergehen ließ. Der Inspirator des neuen Feldzuges und der Schrecken der Inquisition, Papst Innocenz III. (1198—1216), war zugleich der Urheber jener kirchlichen Politik, die darauf ausging, die Juden durch peinlich genaue Reglementierung ihrer Lebensverhältnisse zu einer Pariakaste innerhalb der christlichen Gesellschaft herab ­ zuwürdigen. Die Leitsätze für diese neue antijüdische Politik stellte der Papst Innocenz III. in seinen Sendschreiben an die Bischöfe und an die ver ­ schiedenen europäischen Herrscher erst nach und nach auf. In einem seiner ersten Erlasse (1199), in dem er die bekannte, alle Gewalttaten gegen Juden untersagende Bulle seiner Vorgänger nach altem Herkom ­ men bestätigte, begnügte er sich vorerst damit, diese Bestätigung durch die Vorbemerkung abzuschwächen: „Wiewohl die verkehrte Glaubens ­ lehre der Juden durchaus zu verdammen ist, so dürfen die Gläubigen diese dennoch nicht allzusehr bedrängen, denn durch sie wird die Wahr ­