— 26 II. Vor geraumer Zeit fand ich im Pfarrarchiv zu Raitenhaslach an der Salzach, der einstigen 1143 ge ­ gründeten Zisterzienserabtei, obiges Gedicht. Es befand sich auf einem leicht vergilbten Zettel von einer Größe von 14, 2X22 cm, auf dem 21 bläulich schimmernde Zeilen von links nach rechts gezogen waren, in sogenannter deutscher Schrift aufgezeichnet. Wer hat diese Verse ein ­ mal so aufgeschrieben und woher stammen sie? Dies war meine sofortige Frage, aber bis heute konnte ich mir noch keine Antwort darauf geben. Vielleicht fügt es ein glücklicher Zufall, dieses Geheimnis zu lüften, wenn dieses Lied hier vielen bekannt wird. Im Pfarrarchiv zu Raitenhaslach fand sich nichts weiteres, was irgendwie mit diesem Schriftstück in Be ­ rührung zu bringen wäre. Auch in der Klosterchronik, von Pfarrer Lothar Krick 1896 zusammengestellt und heute im Privatbesitz des Bischofs von Passau befind ­ lich, ist keinerlei Andeutung zu entdecken. So zeigte ich meinen Fund dem Münchener Germanisten Univ.-Prof. vr. O. Mausser, der, selbst ein Burghauser, ein guter Kenner der Heimat- und Sprachgeschichte sowie der Volks ­ kunde und des Brauchtums gerade der Gegend zwischen Inn und Salzach ist. Aber auch er kannte dieses Lied nicht, war jedoch begeistert von seinem reizvollen Inhalt sowie von den gewandt geschmiedeten Versen. Natürlich wurde auch die Frage besprochen, ob es sich hier um ein Original handle, etwa aus der Zeit von 1270—1290, in der hier im damals noch bayerischen Innviertel der „Meier Helmbrecht" des Wernher des Zsrtenaere8 ent ­ stand, oder ob wir es mit einer Nachdichtung aus dem 19. Jahrhundert zu tun haben, verfaßt von irgend einem begeisterten Germanisten aus der Zeit der Romantiker? Letzteres dürfte wohl ganz abzulehnen sein. Es müßte sich hier nämlich um einen Gelehrten handeln, der so ­ wohl genaue Ortskenntnis im Jnn-Salzachgau besessen haben muß und gleichzeitig ein ganz raffinierter Verse ­ schmied war und der dann, ohne ähnliche Spuren seines Schaffens zu hinterlassen, die Feder für immer aus der Hand gelegt hätte,