CHEF DES GENERALSTABES Ernennung Feldzeugmeister Freiherr von Beck, der das Amt des Chefs des Generalstabes seit mehr als einem Vierteljahrhundert be¬ kleidet hatte, fühlte sich seines hohen Alters wegen den Anfor¬ derungen seiner Stellung nicht mehr gewachsen. Unter den Anwärtern, die für diesen Posten in Betracht kamen, befanden sich der damalige Stellvertreter des Chefs des Generalstabes, Feldmarschalleutnant Potiorek, der Kriegsminister und ehemalige Stellvertreter des Chefs des Generalstabes, Frei¬ herr von Pietreich und die Feldmarschalleutnants Tersztiansky und Conrad. Letzterer war als Oberst aus dem Generalstab ge¬ schieden, hatte seither die Verbindung mit den Zentralstellen verloren und fühlte vor allem nicht die geringste Berufung für diese Stelle in sich. Die Manöver des Jahres 1905 in Südtirol waren ein Erfolg für Conrad gewesen. Besonders interessierte sich der Thronfol¬ ger, Erzherzog Franz Ferdinand, für ihn. Der Ruf, den Con¬ rad schon als Regimentskommandant in der Armee genoß, hatte den Erzherzog zu einer überraschenden Inspizierung ver¬ anlaßt. Wenige Tage vor dem Abmarsch des Regiments zu den größeren Waffenübungen traf der Erzherzog in Troppau ein. Nach der Meldung am Bahnhof verabschiedete er die zum Emp¬ fang Erschienen und sprach den Wunsch aus, den Abend zwang¬ los mit einigen Herren verbringen zu wollen. Für den folgenden Tag sollte es bei den Anordnungen des Regimentskommandos bleiben. Als der Erzherzog zum gemein¬ samen Mahl im Hotel erschien, begrüßte er Conrad mit den Worten: „Herr Oberst, es freut mich, Ihnen sagen zu können, daß alles, was ich bisher von Ihrem Regimente gesehen habe, mir gefallen hat, insbesondere die stramme Haltung und das offene Auftreten der Leute.“ 98